Archiv für den Monat Februar 2010

#immfv4 – Mein Beitrag

Schön war’s gestern bei der #immfv4. Und blöd. Und… ach, alles. Ich werde mich an anderer Stelle noch ausführlicher dazu äußern, sollte mich nicht lähmende Unlust überkommen. Wie auch immer. Alle Leute, die gestern nicht da waren, meinen Text aufgrund der schlechten Akustik nicht verstehen konnten oder zu betrunken, bzw. abgelenkt waren, um meiner kleinen Kurzgeschichte zu lauschen, können sie hier noch einmal in Ruhe nachlesen. Oder sie schauen sich gleich das Video an, das @elkessommer freundlicherweise von meinem Auftritt gemacht hat. Für die Qualität kann ich allerdings nicht bürgen, weil ich es noch nicht über mich gebracht habe, mir selber beim Vorlesen zuzuschauen.

Neues aus der Comfort Zone

Summende Kühlschränke, tickende Uhren. Hier ein leises, dort ein etwas lauteres Schnarchen tönt durch das Mehrfamilienhaus. Das Badezimmerlicht summt ein Schlaflied, während ich mir den letzten Zahnpastaschaum aus dem Mund spüle. Ich trete in die Diele, schalte das Licht aus, schließe die Türe. Die letzten Schritte zum Schlafzimmer kann ich blind zurücklegen. Dass die Gefahr in unserem chaotischen Haushalt nicht gering ist, auf diesem Weg in eine Reißzwecke oder in eine Stahlbürste zu treten, kümmert mich nicht. Ich fühle mich verwegen. Ich laufe wie John Wayne. Ich werde so noch ein wenig vor Susanne auf und ab laufen.

Huch! Meine schlagartig schweißnass gewordenen Hand schlägt ins Dunkle, nach dem Lichtschalter. Ein verkniffenes Gesicht erscheint vor mir im Flurspiegel. Im Dunkeln fand ich mich deutlich John-Wayne-esker aber das ist jetzt nicht das Problem. Was war das für ein Donner im Treppenhaus?! Ich schaue mein blasses Spiegel-Ich an, aber es mag mir keine Antwort geben. Wieder das altbekannte Problem: ich traue meinen Nachbarn nicht. Im besten Fall halte ich sie alle für Choleriker, die sofort vor der Türe stehen würden, würde ich es wagen, die Musik ein wenig über Mehrfamilienhauslautstärke zu hören. Bisher habe ich aber auch immer mindestens einen Nachbarn im Verdacht gehabt, ein gemeingefährlicher Schlitzer zu sein. In meiner ersten eigenen Wohnung habe ich stundenlang nachts wachgelegen, den knarrenden Geräuschen der Hauses gelauscht und den Blick immer zwischen Schlafzimmertüre und der Wasserflasche neben dem Bett hin- und herwandern lassen, mit der ich mich im Notfall vor hereinstürmenden Irren verteidigen müsste. Ich war ziemlich überrascht darüber, so ein kaputter Typ zu sein. Irgendwann kam ich dann auf die Idee – ich bereits äußerst übernächtigt und und schon bei dem kleinsten Geräusch den Tränen nahe – vor dem Schlafengehen Wachttürme aus Gläsern und Tassen vor der dem

Wohnungseingang aufzustapeln. Ha! Sollte jetzt jemand mal versuchen, sich unbemerkt Zutritt zu verschaffen! Von da an schlief ich wieder ruhig und begann, mir über andere Dinge Sorgen zu machen. Krankheiten, Komenteneinschläge, usw.

„Kommst du?“, höre ich Susanne rufen. Mein Magen krampft. Wer oder was auch immer da im Treppenhaus dieses infernalische Geräusch gemacht hat: er oder sie oder es soll nicht darauf aufmerksam werden, dass Leben in unserer Wohnung ist. Leben, dass dieses „Es“ – ich lege mich auf „es“ fest – brutal auslöschen könnte. Das donnernde Schlitzermonster aus dem Treppenhaus. So gehen die Gedanken von jemandem, der noch lange, als er dem Kindesalter entwachsen war, Angst gehabt hatte, dass eine Monsterhand unter dem Bett hervorschießt, wenn er seine Füße danebenstellt. Ich lausche angestrengt; ich sehe, dass kein Licht durch den Türspion fällt. Das macht die Sache noch ominöser: das Wesen, das draußen seinem abartigen Treiben nachgeht, hat dafür noch nicht einmal das Licht eingeschaltet!

Als nach einigen Minuten immer noch nichts passiert ist, beschließe ich, mich doch ins Bett zu begeben. Haben sich Bettdecken nicht mein Leben lang als wirksamer Schutzschild gegen Ungeheuer aller Art erwiesen? Außerdem gibt es da diesen warmen Frauenkörper, an den ich mich schutzsuchend klammern kann und das Gehirn in diesem Frauenkörper wird dies‘ nicht als schutzsuchende, sondern als schützende Geste missinterpretieren. Im Dunkel dieses Missverständnisses werde ich wieder John Wayne sein dürfen.

„Was war denn los?“, fragt Susanne. „Och, ich hab‘ nur so ’n komisches Geräusch im Treppenhaus gehört.“ Meine Heiterkeit klingt unecht, die darauffolgende Lache idiotisch. Doch bevor Susanne es schaffen kann, einen skeptischen Gesichtsausdruck aufzusetzen, fängt Matthias Reim an, sein Ding durchzuziehen. „Ich ziehe durch die Straßen bis nach Mitternacht…“ erklingt es von nebenan so klar und deutlich, als wären die Wände dünn wie Papier. Das sind sie nicht. Meine Nerven, die so dünn sind, dass sie schon nicht mehr sichtbar sind, entspannen sich schlagartig. Ach der ist das bloß! Ich kann es mir nun zusammenreimen. Unser Trinkernachbar ist wieder völlig blau nach Hause gekommen, hat die Türe knallen lassen und startet jetzt seine zweiwöchentliche

Matthias-Reim-Session. Wobei diese Session nur aus eineinhalb Liedern besteht. Das bedeutet: es läuft in einer Tour „Verdammt ich lieb‘ dich“, dann läuft das darauffolgende Lied etwa zur Hälfte durch, bis unsere alkoholisierter Nachbar es geschafft hat, sich aufzuraffen, um wieder auf „Verdammt, ich lieb‘ dich.“ zurückzuschalten. Ich find es toll, wenn er das macht. Vor allem gefällt es mir, dass er und kein Treppenhausmonster den Lärm von eben veranstaltet hat hat. Außerdem ist es begrüßenswert, dass eine Person permanent den Unmut des ganzen Hauses auf sich zieht, so dass meine kleinen Verfehlungen dagegen nicht weiter ins Gewicht fallen. Seine pentrante

Flodder-Haftigkeit, lässt mich als Traumnachbarn erscheinen. Einmal bin ich ihm begegnet, wie er nachts nach Hause gekommen ist. Seine Camouflage-Hose war voller Schnee, weil er sich auf dem Heimweg ein paar Mal hingelegt hatte. Er roch gut nach Bierdeckel und die Glasaugen in seinem Schnauzbartgesicht blickten mich so treuherzig an, dass ich ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre. Ein weiterer Grund meiner guten Laune: ich liebe „Verdammt, ich lieb‘ dich“. Das Lied ist schwachsinnig, aber es ist mit großer Geste und ungeheurer Ernsthaftigkeit schwachsinnig, was mich zutiefst anrührt. Ich kann mich gut daran erinnern, wie der Song damals in meinen Kindheitstagen aus allen möglichen Radios über die Wiese des Freibades schallte. Nie wieder roch Chlor chloriger, Sonnenmilch sonnenmilchiger. Gedanken, zu denen man sich wegträumen kann.

„Soll ich rüber gehen und mich beschweren?“, frage ich Susanne, während ich mich an sie schmiege. Sie schweigt kurz und antwortet dann mit einem „Nein“, dass eigentlich „Ja“ bedeuten soll. „Alles klar“, antworte ich und drehe mich kurz zum Nachttisch, um das Licht auszuschalten.

Und wieder ist die Welt in Ordnung.

Eine Tag, bevor Susanne sich den Zeh am Türstopper bricht, weil er mitten im Wohnzimmer unter einer Chipstüte liegt,

zwei Tage, bevor ich ein Bier über’s Notebook kippe und so die T-, die Z und die U-Taste unbenutzbar mache, was das Schreiben von Bewerbungen zu einer kniffligen Angelegenheit werden lässt,

drei Tage bevor, bevor man uns den Strom abstellt,

schlafe ich selig ein.