ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Susealiaspaul

Hallo! Besser gesagt: aber hallo! In letzter Zeit war ich *ähem* ja weniger fleißig. Umso dankbarer bin ich, dass hier heute mal wieder etwas Neues passiert. Und wie hier etwas passiert! Mein Gästeglück verlässt mich auch in dieser Woche nicht, da ich euch einen Beitrag der bezaubernden Susealiaspaul, bzw. @susealiaspaul, päsentieren kann. Folgt ihr! Lest ihr Blog! Es wird euer Leben bereichern.

shins

„Guck mal Mama, ich bin im Internet! Auf das Blog, wo sich bestimmt mal zum musikjournalistischen Must-Read entwickelt!“ (und alle so: Uuuuh!)
Und auch noch als erster Female Act??!
Da darf ich jetzt auf keinen Fall so verliebt schwärmen, sonst hassen mich alle, weil ich irgendwelche Gefühlsdusel-Klischees erfülle. Ich werde das Album zu richtig verreißen, Alice Schwarzer soll stolz auf mich sein! Ich werde mich auf diesem männerdominierten Blog behaupten und die weitere Karriere der Band vernichtend vernichten, jawohl! Niemand schreibt so fies wie ich und..
Was soll ich denn überhaupt rezensieren?!
Oh, The Shins.
Fuckscheiße.

„Chutes Too Narrow“, das ist Musik für ein Wochenende. Kein aufgregendes Never-Forget-Wochenende. Eher für eines von diesen perfekten, kleinen Durchschnittswochenenden.

Es hat die richtige Musik für die lange Zugfahrt nach Hause am Freitagabend. Für das aus dem Fenster gucken, über das eigene Ich nachdenken und sich seltsame Geschichten ausdenken, während sich draußen die Welt an einem vorbei bewegt. Für die freudige Erwartung, jemanden wiederzusehen, nicht arbeiten (wahlweise: studieren oder ähnliches)  zu müssen und gleichzeitig dankbar zu sein, dass dieser Zustand nur zweieinhalb Tage anhalten wird. Und schließlich auch die Erleichterung, den MP3-Player nicht wieder vergessen zu haben und deshalb diese albernen Plastikpüppchen vom Vierersitz schräg gegenüber nur optisch ertragen zu müssen.
(Beispiele: „Kissing the Lipless“, „So I say“)
„Chutes Too Narrow“ hat auch die richtige Musik, am Samstag mit den selben Leuten, mit denen man schon in der Neunten pubertierte, tanzen zu gehen, in einem dieser Clubs, in denen man auch zu dritt in einer dunklen Ecke sitzen und sich die Musik übertönend über die Musik und was vielleicht sonst noch an so einem Wochenende wichtig sein könnte, unterhalten kann.
(Beispiele: „Fighting in a sack“, „Turn A Square“)
Zu guter Letzt enthält „Chutes Too Narrow“ auch die perfekt Musik für den wenig (aber doch schon) wehmütigen Abschied von der Heimatstadt am Sonnatg, der einem verkündet, dass morgen das echte Leben inklusive früh aufstehen wieder losgeht. Für das darüber Nachdenken, wo man nun wirklich zuhause ist, das sich schuldig fühlen, weil man die Menschen in der neuen Stadt doch ein bisschen mehr mag, als die zuhause. Und für das sich Sehnen nach früher.
(Beispiele: „Pink Bullets“, „Those to come“)
Man kann dieses Album natürlich auch IN der Woche hören, aber man tut dies dann doch irgendwie mit der heimlichen Hoffnung, dass es schneller Freitag würde.

Auch textlich unterstreichen die Lieder jenes Durchschnittswochenend-Lebensgefühl. Es ist keine aufgesetzt künstlerische Lyrik, die versucht durch unvollständige, nicht wirklich zusammenhängende Satzfetzen, eine dramatisch verwirrte (vielleicht gar depressive) Musikerseele zu beschreiben. Wären es Gedichte, ließen sie sich leicht lesen und wäre doch so tief beeindruckend, dass man es den ganzen Tag sinnierend im Kopf aufsagt.
Es wird davon gesungen, dass man bei den früheren rebellischen Träumen inzwischen Kompromisse eingegangen ist, von Freunden, die irgendwo ein neues Leben angefangen haben (und nur noch am Wochenende nach Hause kommen), irgendwie ein bisschen davon, wie es ist, festzustellen, dass man jetzt schon eine Weile erwachsen ist und sich noch einmal nach der rebellischen Jugend auszustrecken, bevor man erkennt – es ist gut so, wie es jetzt ist.

Was das Album einen nicht bieten kann, ist der Soundtrack für die ganz großen Momente im Leben.
Keine Musik, um bei voller Lautstärke via Mitgrölen all den Weltschmerz loszuwerden.
Keine Musik, um bei mittlerer Lautstärke via Weinflasche in einem dunklen Zimmer all den Herzschmerz loszuwerden.
Nicht mal Musik, um sich via inbrünstigem Luftgitarrenspiel mit vollem Einsatz in die Riffs zu legen.
„Chutes To Narrow“ ist auf keinen Fall Musik für Erlebnisse, die man nur einmal im Leben macht.
Die Indie-Schrammel-Gitarren und der eher sanfte Gesang sind dazu da, um dieses beständige Müsste-da-nicht-eigentlich-mehr-gehen-in-meinem-Leben-Gefühl zu untermalen.
Die unspektakulären, aber wirklich schönen Melodien vertonen diese Tage zwischen Donnerstag und Montag, an die man sich später höchstens aufgrund eines Gespräches erinnert.
Glücklicherweise sind es ja dann aber doch eben solche Momente, die das Leben im Endeffekt ausmachen.

Called to see if your back
Was still aligned and your sheets
Were growing grass all on the corners of your bed

 

But you’ve got too much to wear on your sleeves
It has too much to do with me
And secretly I want to bury in the yard
The grey remains of a friendship scarred

You told us of your new life there
You got someone comin‘ around
Gluing tinsel to your crown
He’s got you talking pretty loud
You berate remember your ailing heart and your criminal eyes
You say you’re still in love
If it’s true what can be done
It’s hard to leave all those moments behind

You tested your metal of doe’s skin and petals
While kissing the lipless
Who bleed all the sweetness away

(Kissing the Lipless, The Shins)

Ich wünsche euch noch ein wunderbares, musikalisch einwandfreies Restwochenende.

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6 Gedanken zu „ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Susealiaspaul

  1. Mad Earl sagt:

    Erinnert mich von der Herangehensweise an Dr. Quengel himself.

    Ob die Hörbeispiele nicht sogar der Sache abträglich sind? Bei diesem hier muß ich mir, ohne die Shins zu kenne, auch mal wieder denken: „Klingt wie schon mal gehört.“ Einerseits frage ich mich dann, ob das repräsentativ fürs ganze Album ist, aber andererseits interessiert mich das nach einer Wie-schon-mal-gehört-Erfahrung auch nicht mehr, und das ist möglicherweise schade.

  2. quengelexemplar sagt:

    So. Schade, dass es nicht mehr Resonanz für diesen schönen Text gab. Ich finde beeindruckend, wie du mit Worten eine Atmosphäre zu schaffen verstehst, die der des Albums tatsächlich sehr nahe kommt. Mal abgesehen davon, dass ich es schon ein wenig bedeutender finde, als du es tust, aber das ist bloß mein eigener Geschmack. Auch schön, wie gut du die Waage zwischen Humor und Ernsthaftigkeit hältst. Doch, es fällt mir wirklich nur Positives hierzu ein! 🙂

  3. Ti_Leo sagt:

    Tjoa, Review ist gut, vermittelt die Atmosphäre treffend. The Shins im falschen Moment (einer dieser speziellen) wirken evtl. belanglos. The Shins zur richtigen Zeit: Perfekt.
    Tja, wann ist der Moment, um sie kennenzulernen? Dann, wenn man sowas wie Postal Service grad mag. Pop, leicht klebrig. Dann reißen einen die Shins mit und lassen einen lang nicht mehr los.

  4. susealiaspaul sagt:

    huch jetzt sind hier ja doch noch mehr kommentare gekommen.. ich danke euch allen für das Lob 🙂
    (obwohl ich selbst gar nicht sooo zufrieden bin, aber naja…)
    zur negativen seite der hörbeispiele: wie/ ob/ wann man es sich anhört bleibt ja jedem selbst überlassen.

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