Ihr bringt das Hörspiel, ich die Rezension (1)

Ja, lest euch die Überschrift noch einmal genau durch! Dieser Text ist  ein Special, weil es einfach NÖTIG war, „Nietzsche Told Me How To Rock And Roll“ von Max „@mlampin“ Lampin einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Bitteschön:

friedrichnietzsche

So, jetzt habe ich dieses verfluchte Textdokument geöffnet. Wenn ihr nur wüsstet, welche Qualen diesem Schritt vorausgegangen sind! Wobei: zuerst war da die Freude. Freude über das gelungene Hörspiel eines geschätzten “Mit-Twitterers”, dass ich nun – Gott sei Dank! – nicht verreißen muss. Was auch immer das geheißen hätte. Wahrscheinlich nichts. Schließlich bin ich hier der Musikexperte und nicht der Hörspielexperte, und werde ich schon der ersten Rolle kaum gerecht, so gerate ich bei letzterem endgültig ins Dilettieren. Was natürlich nicht heißen soll, dass die Gefahr des Dilettierens nicht gegeben ist, wenn ich nun begründen muss, was ich an diesem Hörspiel so sehr schätze. So erklärt sich auch mein langes, ängstliches Zögern, bevor ich mich an das Verfassen des Textes machte.

Komisch übrigens, dass ich gerade die Floskel “Gott sei Dank!” verwendete, geht es doch um den ganz und gar antichristlichen Friedrich Nietzsche in dem Hörspiel, der damals, als ich 16 war, den schon immer latent in meinem Herzen vorhandenen Atheismus endgültig dort festhämmerte. So gesehen ist es überhaupt komisch, wenn ich diese Floskel verwende. Wie auch immer…

Aber es soll ja nicht um mich, sondern um das Hörspiel gehen. Gut, vielleicht auch: ich und das Hörspiel. Mein Verhältnis dazu. Ich werde es zunächst einmal grob beschreiben müssen, obwohl ich Hemmungen davor habe, weil ich erstens nicht “spoilern” möchte und zweitens meine, dass jeder erst seine eigene Deutung entwickelt haben sollte, bevor ich dann mit meiner eigenen um die Ecke komme. Deshalb will ich euch zumindest die Chance geben, euch dem Werk völlig unvoreingenommen zu nähern, indem ihr es euch jetzt hier herunterladet. Keine Sorge. Ich habe doch schon verraten, dass es gut ist!

So? Wieder da? Gut. Dann will ich zunächst einmal versuchen, das Werk inhaltlich grob zu umreißen. Zunächst einmal fällt auf, dass es sich um eine Art Collage aus verschiedenen Texten bzw. Textsorten handelt, wobei jede Textsorte für eine Ebene des Stoffs steht. Das Fundament ist hierbei die von Max Lampin erdachte  Story eines geheimnisvollen Trinkhallen-Gastes, der sich äußerst merkwürdig gebiert und bei dem es sich um einen gescheiterten Nietzscheaner handelt, wie im Laufe der Handlung klar wird. Diese Story wird komplett in O-Tönen von Zeugen erzählt, die so authentisch rüberkommen, dass Max Lampin sich gleich einmal als Co-Autor für die nächste Stromberg-Staffel empfiehlt. Wobei man jetzt nicht auf die falsche Spur geraten sollte, dass es sich hier um Komik handelt! Nur das Talent, dem Leuten “aufs Maul zu schauen”, hat Lampin mit Stromberg-Autor Husmann gemein.

Eine weitere Ebene sind Ausschnitte aus Nietzsche-Texten, die das Aufruhr und Umsturz zum Thema haben, von denen einer in der englischen Übersetzung wiedergegeben wird. Hinzu kommen noch Samples aus einem Gespräch von Alexander Kluge und Rüdiger Safranski über Nietzsche und Zitate von Internet-Usern, die sich mit dem Philosophen befassen.

Ein schwerer Brocken also. Und tatsächlich empfiehlt es sich, das Manuskript beim ersten Hören mitzulesen, um einigermaßen mitzukommen. Leider liegt dies’ nicht nur an der Komplexität des Stoffes, sondern auch daran, dass Lampin, der sonst ein guter Sprecher ist, dazu neigt, einige Silben zu verschlucken, was vor allem den langen Part des englischen Nietzsche-Textes zu einer Geduldsprobe macht. Hier kommt noch erschwerend hinzu, dass einige der englischen Wörter nicht richtig ausgesprochen worden, was manchmal sinnentstellend wirkt. Überhaupt sind die Nietzsche-Passagen für meinen Geschmack zu lang. Womit auch schon die Kritikpunkte abgehakt wären! Ist es nicht schön, dass der Text nun auf angenehmere Weise enden kann?

Mit den positiven Seiten beispielsweise: zunächst einmal die schauspielerische Qualität. Welche Vielzahl von Rollen dieser Lampin darzustellen in der Lage ist! Das kann sich mehr als hören lassen. Dann: die Atmosphäre. Spooky Soundeffekte, stimmungsvolle Musikuntermalung und verfremdete Stimmen erschaffen einen unwiderstehlichen Sog; es kommen gar Erinnerungen an David Lynch auf.

Und der Inhalt? Nun, ich will nicht behaupten, dass ich ihn schon vollständig erschlossen habe. Meiner Deutung nach geht es aber um den Wunsch, ein selbstbestimmtes, ein ekstatisches Leben zu führen und sich diesem Leben über Nietzsches Philosophie zu nähern. Und um das Scheitern daran. Weil am Ende die Banalität unserer Existenz uns immer wieder zu Boden reißt. Weil wir ihr nicht entkommen können.

Und das ist doch zunächst einmal: wahr. Und hier sehr gut dargestellt. Wärmste Empfehlung.

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2 Gedanken zu „Ihr bringt das Hörspiel, ich die Rezension (1)

  1. Max sagt:

    Jaha! Großartiger Text! Danke dafür! Deine Interpretation finde ich super gelungen, womöglich der Erste, der so alles aus dem zugegeben ziemlich schwierigen Knäuel entschlüsseln kann.

    Und danke für das Lob! 🙂 Ich werde auf jeden Fall in der Zukunft mich an weiteren Hörspielen versuchen .

    • quengelexemplar sagt:

      Mach‘ das! Und dann: immer her damit! Versuch dich mal an einer unverschlüsselteren Story. Würde mich sehr interessieren, wie das wäre.

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