ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Ronzronz

Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht: wieder konnte ich einen Lieblingstwitterer für diese Rubrik meines bescheidenen Blogs gewinnen. Die Rede ist von Ronzronz. Man kann Ronz nicht beschreiben. Ronz muss man folgen. Sofort, bitte! Und dann noch das verstörend-geniale Blog abonnieren. Los jetzt!

no age

gaslight anthem

Prolog #1:
In der Ronz’schen Musikkommode gibt es nur 4 Schubladen: Klassik, Rock, Pop und Jazz. Alle sonst existierenden Musik-Unterschubladen sind Menschenerfindungen, um den menscheneigenen Trieben „Unsicherheit“ und  „Kategoresierungswahn“ einen Halt zu geben.

Prolog #2:
Alle moderne Musik ab 1960 stammt von den Beatles ab. Behauptet Ronz. Oder von den Flippers. Behauptet Mama.

Prolog #3:
Ronz: „Mama, hörst du schon wieder Flippers? Wird dir das nicht zu blöd? Ist doch immer dergleiche Scheiß: 3/4- oder 4/4-Takt, Liebe und Herzschmerz.“
Mama: „Stimmt doch gar nicht! Hör’ doch mal genau hin: das ist ein englischer Walzer, davor war’s ein Wiener Walzer, davor ein Jive…mit Kastagnetten! Ein Lied spielt in Spanien, das andere in Mallorca, das dritte an der Costa Brava!“
Ronz: „Der Basslauf besteht immer nur aus zwei, maximal drei Noten.“
Mama: „Der was?“
Ronz: „Basslauf…Bass ist ein Instrument.“
Mama: „Ach du immer mit deiner Hottentotten-Musik. Alles durcheinander und verstehen tut man auch nix!“
Ronz: „Mama, ich werde dich jetzt würgen…“
Mama: „Ich nicht!“

The Gaslight Anthem: The ‘ 59 Sound und No Age: Nouns in Schubladen und Kategorien

Musikkommode
Beide Alben findet man in der Hauptschublade “Rock” (die Schublade mit dem Eisengriff). Wer möchte findet The ‘ 59 Sound in den Unterschubladen „Schrammel-Rockabilly“ oder „Aalglatt gebügelte Unterhosen“. Nouns dagegen findet man in den Unterschubladen „Mädels mit Achselhaaren“ und „Singen hinter Wasserfällen“. Die Schubladen der Gaslight Anthem sind mit Mainstream staubfrei gewedelt, die Schübe der No Age werden seltener geöffnet, sind staubig und hängen ein bißchen.

Hören und Körperlichkeit
Ronz hat einst für sich festgelegt, jede Platte mindestens 3x anzuhören, bevor diese für sich und das weitere Fortleben bewertet wird. Immer ist das Hören für Ronz eine Körperlichkeit. Die Musik schmerzt entweder oder wohltut dem Körper. Und es gibt böse Alben auf dieser Welt, die dreifach zu hören kein existierendes ronzliches Wesen überleben würde.
Das Album The ‘ 59 Sound liegt kurz vor der Schwelle zum Bösen. Die dreifache Anhörung erwies sich als hodenschmerzig bzw. eierstockstichlich, je nachdem, welchem Geschlecht man anhängt. Definitiv ist es eine Tortur für Hörer höherwertigerer Musik. The ‘ 59 Sound lässt sich locker neben jedweder Tätigkeit hören, seien es quantenphysikalische Berechnungen oder dem Schlachten eines Schweines. Diese Musik berührt nicht. Geht links rein und rechts wieder raus.
Nouns wiederum will aufmerksam gehört werden. Sich dieses Album nebenbei einzuverleiben wäre gleichbedeutend mit der audiophilen Verköstigung weißen Hintergrundrauschens. Es würde erst einmal nerven. Lässt man sich jedoch darauf ein und schärft seine Rezeptoren, so entdeckt man faszinierende Klangwelten. Die Musik schmeichelt den Fortpflanzungsapparaten, ist zum Teil kopfnicklich und arschzappelig.

Vergleiche
Wer denn Vergleichsbands benötigt, hier sind sie.
The Gaslight Anthem: Dick Brave & The Backbeats / Peter Kraus / Roy Orbison mit nur einer Hand / der achtjährige Bruce Springsteen
The No Age: die frühen Pink Floyd nüchtern / Wire hinter Watte / Broken Social Scene / TV On The Radio / die leisen Mogwai

Instrumente und Komposition
Beide Bands verwenden die gleichen Instrumente. The No Age können etwas daraus machen, The Gaslight Anthem sind Einachsen-Musikroboter, der Improvisation unfähig, den Programmcode abarbeitend. Jede drittklassige Schulkombo kann ihren Instrumenten mehr Virtuosität abnötigen, als diese 0815-Möchtegern-Rocker. Die Songs klingen zum Großteil gleich, sind schlecht durchkomponiert, es fehlt an eingängigen Melodien. Die „Soli“ kann mein dreijähriger Neffe auf seiner 4-Tasten-Plastik-Gitarre von Bontempi mühelos nachspielen. Rezeptur: Rock ‚n’ Roll, alle Kanten und Ecken abgefeilt, literweise Ahorn-Sirup drüber, alles schön glattstreichen und eintüten.
The No Age beherrschen ihre Instrumente nicht besser. Aber sie wissen diese effektiver einzusetzen. Machen aus wenig viel. Variieren, improvisieren, testen, banalisieren…mit Erfolg. Ihr Album ist deutlich abwechslungsreicher. Macht mehr Spaß, wenn man gewillt ist zuzuhören. Der Einstieg in die Songs gestaltet sich schwierig. Die Band spielt hinter einem rauschenden Wasserfall, gelegentlich schleicht sich eine Melodie seitlich an den Rauschmassen vorbei. Oder tritt unvermittelt klar und deutlich durch die Wasserwand und lässt sich bestaunen. Ja, es gibt Melodien, sogar solche, die sich einprägen.

Flippers-Faktor
The Gaslight Anthem klingen wie die Flippers auf Speed, in Design-Lederjacken und Jeans mit Bügelfalte gesteckt.
The No Age klingen wie die Flippers auf rückwärts, mit doppelter Geschwindigkeit abgespielt. Wie die Hottentotten halt.

Songs
Aus The ´59 Sound einen Song hervorzuheben ist wie die Kür der schönsten Missgeburt aus einem Rudel Hyänen. Zu banal ist das ganze Schrammelgitarren-Rumgegniedel. Dennoch möchte ich zumindest den Titelsong The ´59 Sound erwähnen, der so etwas ähnliches wie einen Grölchorus beinhaltet, den ich sturztrunken, die Schenkelinnenseiten abnässend, mitlallen würde.  Even cowgirls get the blues beginnt bluesvielversprechend, bevor es in der üblichen Belanglosigkeit abtaucht. Immerhin etwas Abwechslung. Aus der Bridge von The Backseat hätte ein schöner Song werden können, wenn das restliche Drumherum nicht wäre. Das war’s dann auch schon.
Bei Nouns fällt es schwer einen Song hervorzuheben, weil jeder auf seine Art interessant, schön und vielschichtig ist. Eraser gefällt mir wegen dem Aufbau eines Spannungsbogens im Intro. Things I did when I was dead erinnert mich in seiner Reduziertheit sehr an die frühen Godley & Creme und ist ein Ohrenschmeichler. Keechie könnte genau so gut von Mogwai sein und ist von daher schon über jeden Zweifel erhaben. Errand boy ist unheimlich, Here should be my home macht einfach nur gute Laune, Brain Burner ist ein brain burner und, und, und…

Fazit
Ich versichere hiermit von Eides statt, das The Gaslight Anthem in der Belanglosigkeit versinken werden. Ihre Musik hat bestenfalls in den Staaten eine Chance auf kommerziellen Erfolg. Sie ist furchtbar langweilig und dröge. Ach ja, und das Cover von The ´59 Sound ist auch Scheiße!
Ich versichere hiermit von Eides statt, das The No Age in der Belanglosigkeit versinken werden. Ihre Musik ist nicht kommerziell genug. Sie haben mit Nouns ein tolles Album gemacht, dass entdeckt werden will…und jeden einzelnen Ton wert ist. Wer ein bißchen Indie-Blut in den Adern hat und sich gern auf Experimente einlässt wird hier bestens bedient.

Epilog
Ronz (innerlich jubelnd): „Mama, hast du schon gehört? Die Flippers lösen sich auf!“
Mama: „…“ (Plumps!)
Ronz: „Mama? Mama? Maaamaaaaaaa…!“ (denkt kurz darüber nach, sie JETZT zu würgen…)

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14 Gedanken zu „ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Ronzronz

  1. elkessommer sagt:

    Schade, dass die besprochene Musik so uninteressant ist.

  2. Dietmar Lang sagt:

    Surreal und verstörend. Nichts wird mehr sein wie es war. Und so weiter.

    Richtig gut eben.

  3. Jetzt habe ich ein bisschen Angst. Ist das noch zu toppen?! und dann gleich 2 alben?! das wird hier immer spektakulärer.
    Tja, liebes quengelexemplar, wenn das weiter so geht, dass deine eigenen rezensionen schwächer werden (pardon) und deine gastschreiber immer besser (ohohoho!), wo führt das dann hin?!

    schon für prolog #2 gibt es von mir natürlich 5 sterne 😀
    für den rest 4,999874999, weil „wegen“ den Genitiv verlangt.

    • quengelexemplar sagt:

      Ich weiß nicht. Meuterei?! Ich werde am Mast gefesselt und geknebelt und ihr macht hier euer Hottentotten-Ding? Hilfe!

      Aber im Ernst: was macht meine letzten Rezensionen denn schwächer? Gib mir Feedback! 😉

      • susealiaspaul sagt:

        die …ähm… ich will nicht „blumige sprache“ sagen, weil das recht billig klingt,… aber…
        also die „blumige Sprache“ (im allerallerpositivsten sinn), die du am Anfang hattest, wird immer weniger. Am Anfang hast du die Musik mit den Worten gemalt. Allein durch das Lesen wusste man, wie es wohl in etwa klingen würde, auch ohne das rezensierte Album jemals gehört zu haben.
        Das hat -wie gesagt- in deinen letzten Rezensionen nachgelassen.
        Für mich persönlich (es kann ja gut sein, dass andere es genau andersrum sehen) wirken die Rezensionen im Vergleich zu den ersten irgendwie etwas steril.
        Versteh‘ mich nicht falsch – deine letzten Rezensionen sind ganz bestimmt nicht SCHLECHT, nur waren die ersten einfach NOCH besser!!!!
        Du hast schöner/intensiver mit der Sprache gespielt. Da brauchte man sich nicht mal für das Album an sich interessieren und war trotzdem sehr, sehr, sehr entzückt von der Rezension.

      • Deine Sprache war abstrakter, frischer und packender, das Album spielte – ganz wie hier bereits gesagt wurde – eher eine untergeordnete Rolle. Wie sonst hätte ich andernfalls einige deiner Rezensionen ganz wundervoll finden können, obgleich mich die behandelten Künstler mit Ekel und Abscheu erfüllten? Und die persönlichen Nuancen, die dich zwar sympathisch machen und im seltenen Fall abwechslungsreich wirken können, untergraben leider das Künstlerische in deinen Rezensionen, das ich am Anfang sehr gemocht habe.

      • quengelexemplar sagt:

        Verflucht, und das Schlimme ist, dass ihr Recht habt… Keine Ahnung, vielleicht war es ein Fehler, das zeitliche Korsett für die Rezensionen so eng zu schnüren, vielleicht hätte ich mir auch nicht 5 Texte in der Woche aufbürden sollen. Manche der Sachen sind nämlich unter extrem widrigen Umständen entstanden; hin und wieder hatte ich auch schlicht keine Lust oder die Musik inspirierte mich kein bisschen. Ich werde sehen, was für Konsequenzen ich aus diesen Erkenntnissen ziehe. Vielleicht hilft es ja auch, die Themenspannweite ein wenig zu auszudehnen.

  4. HerrJuhl sagt:

    Frage mich beim Lesen deiner Rezensionen ja immer was für einen Beruf du ausübst. Musikredakteur bei einer großen Firma vielleicht?

  5. Ti_Leo sagt:

    Oh, nett, hat mir meinen langen Komm geklaut, weil ich die Felder Name und Email nicht ausgefüllt habe. Würd ja sagen: Scheiße. ^^

    No Age hatte ich hier auch rumliegen. Schrammel-Indie, absichtlich schlecht aufgenommen, nett. Die Andern sind ja wirklich belanglos. Tanzmucke ohne Druck. Wie experimentell.

    Wer No Age mag, könnte auch Titus Andronicus mal ne Chance geben. Die sind ungefähr ein Bindeglied zwischen No Age und Bright Eyes. Ungefähr. 😉

  6. Mad Earl sagt:

    Aus der Rezension von — falls die Hörbeispiele für die Bands typisch sind — so ideenloser Musik noch so einen Lesespaß zu machen, das kann nicht jeder. Bitte mehr davon.

  7. Ronz sagt:

    Einige Anmerkungen meinerseits:

    1. Finde „Nouns“ keineswegs uninteressant oder ideenlos. Ist das nicht so rübergekommen? (elkesommer und mad earl)

    2. Mein Berufsstand ist der Super-Geheimagent, der mal so nebenbei, beim Pinkeln, die Welt rettet. (HerrJuhl)

    3. Hier in Bayern (ja, dort wo die Uhren rückwärts ticken) bedingt „wegen“ keinesfalls den Genitiv, sondern fordert die Verhohnepipelung des Hochdeutschen! Schließlich sagen wir auch, völlig zu Recht, „das Butter“! ^^(susealiaspaul)

    4. Vielen Dank für das positive Feedback. Freut mich wirklich sehr. (alle)

    • Ich habe nur in das Youtube-Video reingehört und fand das nicht geeignet, mein Indie-Blut zum Kochen zu bringen, auch wenn’s im Text gelobt wurde. „Ideenlos“ spiegelt also nur meine Vorurteile wider und nicht Deine Aussagen.

  8. habe sehr gelacht! feiere aber – gerade wegen – des mitgröhlfaktors das tga-album wie die hölle.
    nebenbei sei angemerkt, dass es

    „ich versichere AN eides statt“ und nicht „…VON eides statt“

    heißt.
    Mahlzeit.

  9. […] Zu finden im Blog von @quengelexemplar. Gefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. Hinterlasse einen Kommentar […]

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