Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (13)

Wieder mal eine schwere Geburt. Habe keine Lust, mir jetzt noch groß einen am Vorwort abzubrechen. Thema: „Waxing Gibbous“ von Malcolm Middleton.

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Wieviel Schönheit doch im Unspektakulären liegt! Ich zum Beispiel habe heute ewig im Internet gesurft, dann dünn mit Pizza belegten geschmolzenen Käse gegessen und dann bin ich lange mit dem Hund spazieren gegangen. Jetzt sitze ich im Wohnzimmer und friere ein bisschen, aber ich mache mir nichts draus. Das war – im Groben – mein unspektakulärer Tag. Findet ihr nicht schön? Mir hat’s ganz gut gefallen!

Ähnlich empfinde ich für “Waxing Gibbous” von Malcolm Middleton, dessen lakonischen Indie-Rockpop ich von Anfang an unspektakulär fand. Das war überhaupt nicht böse gedacht; vielmehr war ich ein bisschen erstaunt, hatten sich doch die Platten, die mir bisher so aufgetragen wurden, immer durch irgendeine Eigenschaft besonders hervorgetan. Meist entweder durch große Hittigkeit oder durch besondere Merkwürdigkeit. Die Songs von Middleton hingegen sind leicht verschroben, aber nicht verrückt. Melodisch, aber nicht melodienselig. Gutes Handwerk vor allem – 12 Stücke schottischer Wertarbeit. Von der Atmosphäre her ist das alles sehr entspannt: manchmal entspannt fröhlich, manchmal entspannt melancholisch. Das größte Alleinstellungsmerkmal ist wohl Middletons raubeinige Stimme, die sich schwer lakonisch durch die Songs raunt.

Versuche ich also herauszufinden, ob die Texte über Konventionelles hinausgehen, indem ich einige von ihnen google. Beim Hören sind sie ziemlich an mir vorbeigerauscht. Leider findet sich nichts – noch nicht mal auf der Seite des Künstlers, die groß “Lyrics” ankündigt und dann doch nur Songtitel ausspuckt. Werde ich es also übers Gehör regeln müssen. (Ihr merkt schon, dass mein Text zu Zeilenschinderei ausartet. Ich fühle mich eben gerade so, als ob ich Athenern Eulen beschreiben müsste…)

(Eine Stunde später.)

Ja, doch, das ist schon ein Guter, der Malcolm. Er textet Kleinod-Zeilen wie “Will you carry me, when my legs have gone?” und andere Clevernisse, aber auch hier ist es wie bei der Musik: Wohlgefallen macht sich breit, doch der große Jubel bleibt aus. Das ist auch auch nicht weiter schlimm. Im Sinne des Erfinders ist es allerdings wohl nicht. Bestimmt wollte er sein Publikum ein bisschen verliebter machen, als ich es bin. Ich habe bloß wohlwollende Sympathie empfunden. Und dann diese unspektakuläre Rezension geschrieben.

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2 Gedanken zu „Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (13)

  1. Michael sagt:

    Obwohl ich Malcolm Middleton und seine Musik sehr schätze, muss ich dir in gewissen Punkten Recht geben. Die Musik strotzt nicht vor Extremen und läuft gelegentlich Gefahr zur „Nebenher-Musik“ zu verkommen. Dennoch gefallen mir seine Alben insgesamt sehr gut und auch die von dir erwähnten Texte sind zwar oft hochgradig depressiv, aber (oder gerade deswegen) sehr lesens- und hörenswert. Vielleicht hätte ich auch nur ein anderes Album wählen sollen, da diese musikalisch abwechslungsreicher sind.

    Nichtsdestotrotz ist das hier ein tolle Reihe, dessen Konzept mir sehr gut gefällt und deren Reviews ich sehr gerne lese. Freue mich schon auf die kommenden Ausgaben und hoffe, das du nicht weiter solche unspektakulären Alben rezensieren musst 🙂

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