Ich bringt die Musik, ich die Rezension (12)

Heute bin ich aber früh fertig geworden… Genau genommen war ich den ganzen Tag über schon fertig. Muhahaha… O je, ich muss wirklich bald ins Bett. Heute geht es um „Du und wieviel von deinen Freunden“ von Kettcar.

kettcar

Schauen wir doch den Tatsachen ins Auge – ich kann kaum noch geradeaus gucken. Nach einer durchwachten Nacht hänge ich nun als nasser Sack im Schreibtischstuhl und lasse meine Nasser-Sack-Arme auf die Tastatur fallen, in der vagen Hoffnung, dass irgendetwas Vernünftiges dabei herauskommt. Insofern könnte ich es durchaus als Gnade begreifen, dass ich ausgerechnet mit der Besprechung von “Du und wie viel von deinen Freunden” von Kettcar betraut wurde, das eines meiner Alltime Faves ist und das ich so oft gehört habe, wie kaum eine andere Platte sonst. (Ja, ich verrate jetzt schon, dass ich die Platte liebe. So ein Spoiler wäre mir sicherlich in wacherem Zustand nicht passiert. Aber ich kann auch jetzt nicht alles neu formulieren! Ich muss hier fertig werden, bevor ich ohnmächtig zusammensacke und mein Speichel dann womöglich einen Kurzschluss im Notebook auslöst! Vielleicht sollte sich der anspruchsvolle Leser lieber abwenden und erst wieder hinsehen, wenn ich mich in einem weniger desolaten Zustand befinde… Huch, diese Klammer ist jetzt aber lang geworden! Bestimmt hat jetzt jeder vergessen, wo wir stehengeblieben sind. Lieber noch mal nachsehen!)

Leider ist das Gegenteil der Fall. Ich habe das Problem schon bei meiner “Morning Glory”-Besprechung angerissen: wie soll man bei einer Platte, zu der man so viele Assoziationen und Gefühle hat, das für eine Rezension Wesentliche erkennen? “Du und wie viel von deinen Freunden” ist wie ein metaphysischer Datenträger, den ich über die Jahre mit Terrabytes über Terrabytes von Kopfkram und Herzscheiße aufgeladen habe. Mein Kraft und der Platz reichen aber nur für einige Streiflichter.

Wie ich vor sieben (7!) Jahren eine lange und hymnische Besprechung in der Intro gelesen habe, die machte, dass ich mich schon in die Platte verliebte, ohne auch nur einen Ton gehört zu haben. Wie ein paar Wochen später die Leiterin von meinem Bibelkreis – dem ich nur beigetreten warm, um Frauen aufzureißen; wie bescheuert und verzweifelt muss man eigentlich sein? – mich nach Hause fuhr und plötzlich “Landungsbrücken raus” im Radio kam und mein Herz zermalmte. Ich wusste genau – das mussten Kettcar sein; ich hatte mir die Musik exakt so vorgestellt und meine Liebe in Gedanken hielt der Realität so sehr stand. Wie ich dann doch wochenlang immer wieder im Media Markt die CD umschlich, weil ich nicht wusste, ob ich sie nicht doch lieber weiter nur aus der Ferne anhimmeln sollte, als sie zu schöner, aber irgendwie auch schnöder Wirklichkeit in meinem Leben werden zu lassen.

Man merkt: meine Pubertät hat ganz schön lange gedauert. Immerhin war ich da schon zwanzig! Zum Glück waren es die letzten pubertären Ausläufer. Zum Glück und irgendwie auch: leider. Nie wieder habe ich Musik so intensiv geliebt, wie zu dieser Zeit. Irgendwann kaufte ich mir die CD natürlich doch und sie wurde Dauergast in meinem CD-Spieler, für mindestens 6 Monate. Sie blieb Dauergast in meinem Herzen, bis heute.

Hmm, nun überlese ich noch mal alles und muss feststellen, dass mir die Beschränkung aufs Wesentliche nicht besonders geglückt ist. Zum Beispiel habe ich nirgendwo erwähnt, wie die  Musik eigentlich klingt. Na gut, sie klingt: hymnisch, sentimental, melancholisch, bittersüß, üppig, melodisch, niederschmetternd, aufrichtend. Ich schiebe sogar noch eine öde Genrebezeichnung hinterher: Indiepop. Und die Texte? Hmm…

“Die Haustür hinter dir und vor dir der Nachdurst.” / “Das schlechte Gewissen, der sterbende Schwan. Es ist alles erledigt, nach dem, was wir sahen” / “Wer schützt die Notaufnahmen? Und wer hält die ganzen Hände?” / “Wollt’ ich leben und sterben wie ein Toastbrot im Regen?” / “Viel Glück heut’ Nacht und viel Glück demnächst, wenn du weitermachst oder untergehst.” / “Diese zwei Zimmer Altbau, dieses kleine Idyll. Was ich noch sagen wollte… ach, ich sagte schon zuviel.” / “Die Antwortet lautet Nein hier. Wie war nochmal die Frage?” / “Feuer frei und weiteratmen.” / “…und ich höre, wie die Butter in der Pfanne applaudiert.” / “Verteidige die Seele, das lustige Gebilde. Bis dahin: alle Energie auf die Reflektorschilde!”

Noch Fragen?

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10 Gedanken zu „Ich bringt die Musik, ich die Rezension (12)

  1. Pinguwien sagt:

    „“Du und wie viel von deinen Freunden” ist wie ein metaphysischer Datenträger, den ich über die Jahre mit Terrabytes über Terrabytes von Kopfkram und Herzscheiße aufgeladen habe.“

    Allein dieser Satz hat den Blogeintrag schon gelohnt 🙂
    Wieder mal super geworden… Kettcar wirklich stumpf zu rezensieren würde zum einen verdammt schwer und zu anderen der Sache nicht gerecht. Genau sowas wollte ich lesen. Danke 🙂

    Und jetzt: Geh dich gefälligst mal ausschlafen da!

  2. allieswelt sagt:

    „Die Erinnerungssplitter liegen herum, ich tret rein.
    Und verblutend am Elbstrand, die Getränke sind alle,
    Noch ein letztes Mal Winken, auf dem Weg aus der Leichenhalle,
    Immer zuviel oder zu wenig in mir.“

    Gab es Musik vor Kettcar?

  3. susealiaspaul sagt:

    Ich erinner mich auch noch sehr genau, wie ich die cd das erste mal in den händen hielt, die texte durchlas, sie aber nicht HÖRTE, obwohl mir „Kettcar“ damals schon ein Begriff war -so vom hörensagenlesen. da war ich auch noch sehr pubertierend so im Rückblick ^^ (meine mich zu erinnern, wie ich den Typen, dem die CD gehörte…äh, nein, moment – löschen und spul zurück)
    Und dann der Moment, als das simple Klaviergeklimper von „Landungsbrücken“ mein Herz eroberte… haaaach.

    • quengelexemplar sagt:

      Danke, ein sehr schöner Kommentar. Ich hoffe, ich kann dich auch mal als Gastschreiberin gewinnen.

      • susealiaspaul sagt:

        gerne doch.
        bisher war nur leider der rest der welt immer schneller als ich, was das bewerben darum angeht.

      • quengelexemplar sagt:

        Ich halte dir gerne einen Tag frei. Nächsten Samstag schreibt Ronzronz fürs Blog. Aber die Woche danach wärst du mir hochwillkommen! 🙂

  4. susealiaspaul sagt:

    da jetzt einfach mal hand drauf…
    🙂
    yippieh yippieh yeah, yippieh yeah.

  5. Marie sagt:

    aus zufall gerade auf diesen blog und diese rezension gestoßen und gelesen und gelächelt und gedacht: ja genau! genau so! genau so war es damals! und immernoch!
    schönster text für eine der großartigsten, herzlastigsten Platten meiner Jugend!

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