Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (10)

Es ist wieder spät geworden. Und kalt! Gleich muss ich mal meine Füße über den Bunsenbrenner halten. Vorher poste ich aber meinen Text zu „Ja, nein, vielleicht auch nicht“ von Weltherrscher.

weltherrscher

Wieder ist es mitten in der Nacht, wieder werde ich erst wach. Noch zwei Stunden und ich bin ein Fitnessbündel, das es locker mit allen Superkriminellen der Stadt aufnehmen kann. Vielleicht wäre “Batman” doch ein besserer Beruf für mich. Stattdessen fühlte ich mich zum Musikkritiker auserkoren. Aber: auch hier bekomme komme ich mit übermenschlichen Gestalten zu tun. Beispielsweise mit dem Weltherrscher

Anders, als man es vermuten würde, hat er sich bisher nicht dadurch hervorgetan, die Geschicke unseres Planeten zu lenken, sondern vor allem als Blogger, Twitterer und – nicht zuletzt – als Musiker. Nun hat er sein erstes Album geschaffen. “Ja, nein, vielleicht auch nicht” heißt es und gestern lag es als Präsent in meinem Briefkasten. Auf dem Absender-Etikett stand übrigens “Gießen”. So, so. Hier ist also der Nabel der Welt. Hätte man auch nicht vermutet…

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob dieser Herrscher auch über die Welt der Musik zu gebieten versteht. Ich kann diese Frage, nun da ich mich ausgiebig mit jedem einzelnen der 23 Tracks auseinandergesetzt habe, nicht eindeutig beantworten. Zu groß sind die qualitativen Unterschiede, zu schwer durchschaubar ist die künstlerische Vision. Was ist Absicht, was Nachlässigkeit, was Unvermögen? Weltherrschermusik ist Rätselmusik.

Zunächst einmal drängt sich der Eindruck auf, dass es sich nicht um ein Album im herkömmlichen Sinne handelt. Dass sich hier keine Songs zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammenfügen sollen. “Ja, nein, vielleicht auch nicht” (großartiger Titel übrigens) scheint mehr eine Art “Best Of” von Songs und Skizzen zu sein, die sich über einen längeren Zeitraum angehäuft haben. Deshalb fehlt auch eine Gesamtdramaturgie, die ich – gelegentlich schmerzlich – vermisst habe.

Musikalisch wird die klassische Rockschiene gefahren, allerdings ohne die fette Produktion der großen Vorbilder. Das empfinde ich aber keineswegs als Nachteil – vielmehr schafft der matte, dünne Sound eine ganz eigene Atmosphäre und verhindert zudem, dass einige Songs zu bloßen Klischees geraten. Die Stimme des Weltherrschers ist zwar nicht tief und donnernd, wie ich es eigentlich erwartet hatte, liegt aber trotzdem außerordentlich angenehm in den Ohren. Manchmal kommen Erinnerungen an Campino auf, was ich als Kompliment verstanden haben möchte. Der Weltherrscher selber scheint sich seiner gesanglichen Qualitäten leider nicht so bewusst zu sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Stimme oft stark in den Hintergrund gemischt wurde. Manchmal scheint es so, als wolle er sich hinter den Instrumenten verstecken; einige Stücke belässt er völlig instrumental. Umso schöner sind dann die Momente, wenn die “Schwester vom Weltherrscher” zum Zuge kommt, die sich ihrer herrlichen Stimme nicht zu schämen braucht und dies’ offenkundig auch nicht tut.

Hauptauslöser für meine innere Zerrissenheit bezüglich der Qualität der Platte, sind allerdings die Lyrics. Das Texten scheint nicht zu den größten Freuden des Weltherrschers zu gehören, was sich in einer eigenartigen “Anti-Lyrik” niederschlägt, die mitunter durchaus zu großen Momenten führt. Bei “Shitfuck”, Twitterhymne und ein Highlight der Platte,  lasse ich mich gar zu einem “Helge Schneider meets Queens of the Stoneage”-Vergleich hinreißen. Sätze wie “Hilfe, ich hab voll die Twitteritis” zu einem Brecher von Rocksong zu intonieren – das ist schon großes Kino. Ein tragischer Fall hingegen ist das “Piratenlied”, dessen Gänsehaut erzeugende Melodie auf einen wahrlich steinerweichenden Text trifft. Formulierungen wie “Parteien (…) hauen uns Zensur vorn Kopf” sind der Ernsthaftigkeit des Themas bestimmt nicht angemessen.

Unterm Strich bleibt also Verwirrung. Zwei, drei Songs, die ich mir auf meinen I-Pod ziehen, auswendig lernen, auf Sampler packen werde. Großer Respekt vor dem Mut des Weltherrschers, seine CDs in die Welt zu schicken, und es den Empfängern zu überlassen, ob und wie viel sie dafür bezahlen wollen. Die Hoffnung, dass vielleicht sogar ein ordentlicher Gewinn dabei abfällt. Er hätte es verdient. “Ja, nein, vielleicht auch nicht” mag zwar noch nicht der große Wurf sein. Besser, als… sagen wir… das letzte Queen-Album ist es aber allemal.

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8 Gedanken zu „Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (10)

  1. Susan Ville sagt:

    5 Sterne für diese Rezi!
    Allein der Mut sich des ganzen musikalischen und politischen Inhalts auszusetzen, -Respekt!
    Leonard Cohen meets Herbert Grönemeyer und Wolf Biermann. You can’t ask 4 more.

    • quengelexemplar sagt:

      Zugegeben: auf diese Referenzen bin ich nicht gekommen. Obwohl… Kommt hin! Danke für den netten Kommentar!

  2. Micha sagt:

    Ich selbst bin auch stolze Besitzerin dieser CD und kann jedes einzelne Wort unterstreichen. Besser kann man es eigentlich nicht zusammen fassen! Wunderbar! Herrlich! *tränewegwisch*

  3. weltherrscher sagt:

    gesamtkonzept?
    es ist eine runde cd..:-)
    sogar in einer hülle.

  4. elkessommer sagt:

    Die Rezension ist wesentlich interessanter als der verlinkte Song!

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