ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Dietmar „@hamburgerbuero“ Lang

So, hier ist nun der zweite samstägliche Vertretungstext. Dietmar „@hamburgerbuero“ Lang, der schon recht lange zu meinen liebsten Twitterern gehört, hat über „Stories From The City, Stories From The Sea“ von PJ Harvey geschrieben.

P.S. Sein Blog ist übrigens auch einen Besuch wert!

pj_harvey

In den Neunzigern gab es eine mehrjährige, dunkle Zeit, in der ich kein Fernsehen hatte. Wohl einen Fernseher, aber statt Fernsehen eine VHS-Kassette mit einem achtlos gewähltem, achtstündigen VH1-Mitschnitt. Einige Male zu oft lief diese Kassette und ich entdeckte Künstler wie Hootie and the Blowfish, John Mellencamp oder Sheryl Crow. Und zum ersten Mal PJ Harvey, im Duett mit Melissa Etheridge. In Erinnerung blieb mir nur die markante, rauchige Stimme von Melissa.

Jahre später, wir schreiben bereits den Beginn des neuen Milleniums, begegnete ich zum zweiten Mal PJ Harvey. “This mess we’re in” war ein großartiger Song, der mich an unzähligen Winterabenden in fest an meine Ohren gepressten Kopfhörermuscheln begleitete. Thom Yorkes Stimme, ergreifend und wiedererkennbar wie je. Und PJ Harvey war irgendwo auch mit dabei.

Und nun, im dritten Anlauf, die Auseinandersetzung mit gleich einem ganzen Album. Das sich schnell zusammenfasst: Ein gutes Herbstalbum. Solide. Wohlklingend  gefällige, aber kaum zu schmutzige Gitarren. PJ Harveys Stimme kratzt nur wenig, jault nicht zu sehr. Sie transportiert ein bodenständiges Maß aus Trotz und  Melancholie. Ergänzt Nieselregen, Autobahnfahrten unter grauem Himmel und VH1 bei einer Hörtemperatur von 7-15°.

Ich mag verbittert sein, denn ruiniert hat mir diese Album nur ein einzelner Song. Der beste des ganzen Albums, “The mess we’re in”, überschattet gnadenlos alle anderen. Selbst “Good Fortune” oder “You said something”, für sich wirklich gute Lieder, können nicht mithalten. Habe ich es mir selbst zuzuschreiben, “This mess we’re in” viel zu oft gehört und intensiv geliebt zu haben? Einen Song, der vor einer Spannung und Dramatik strotzt, von der ich hoffte, sie in den restlichen Liedern des Albums wiederzufinden?

Vielleicht erweist sich “Stories from the City, Stories from the Sea”, als die Art Album, dessen Reize sich wie die einer unscheinbaren Bekannten erst im Laufe der Zeit Dir erschliessen. In die Du Dich erst verliebst, als Dir nach unzähligen Jahren endlich klar wird, mit welch einem fantastischen Menschen Du es zu tun hast. “This mess we’re in” bleibt eine Ausnahme, es ist dieses eine Mal, an dem sie ein zu markantes, zu kurzes Kleid und viel zu dick aufgetragene Schminke trägt. Es sieht gut aus, aber sie ist nunmal kein Vamp. Du wirst lernen, es ihr zu verzeihen.

Dieser Logik zufolge wird mir dieses Album eines nassen Herbsttages in vielen Jahren also das Leben retten.

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Ein Gedanke zu „ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Dietmar „@hamburgerbuero“ Lang

  1. quengelexemplar sagt:

    So, ich sag‘ jetzt mal was:

    Also, ich habe ja geahnt, dass deine Kritik super werden würde, aber dass sie dann so großartig geworden ist, hat mich doch überrascht. SO müssen Rezensionen sein und sind es doch viel zu selten. Das meiste, was man in Zeitschriften zu Musik zu lesen bekommt, ist doch bloß Dienstleistung. DAS hier ist Literatur. Und ich würde gerne mehr davon lesen. 🙂

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