ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: der Schriftstehler

Heute habe ich gleich zwei Gaststars in meiner samstäglichen Rubrik. Das war anders geplant und ist eigentlich zuviel, aber… Der Schriftstehler! @hamburgerbuero! Wie hätte ich einen von ihnen ablehnen können?! Den Anfang macht also Schriftstehler mit seinem Text über „We Started Nothing“ von The Ting Tings.

P.S. Ich kann einen Besuch auf der Seite des Schriftstehlers herzlich empfehlen! Oder ihr jubelt für ihn bei einem seiner Poetry-Slam-Auftritte. Oder ihr schaut euch eines seiner Konzerte an! Alles großartige Zeitvertreibe!

tingtings

Mit einem guten Schlagzeuger zusammenzuarbeiten, ist in der Musik oft schon die halbe Miete – und dabei geht es vielen Musikern, sie brauchen Geld für den Lebensunterhalt. Findet man also einen geeigneten, talentierten Trommler, der auch noch Ideen hat, dann sollte es schrittweise bergauf gehen. So wie im Fall von der Britin Katie White, die nach Abschluss der Schule den Schlagzeuger Jules De Martino kennenlernte. Die beiden einigten sich nicht auf billigen Sex oder eine gemeinsame Zukunft im Reihenhaus mit geregeltem Ehebrechen, sondern auf rhythmischen Pop. Das ist ganz sicher besser für den Lebensunterhalt, als irgendwelche Liebeszenarien, von denen wir jetzt auch nichts wissen wollen. Mit dem minimalistischen Band-Namen „The Ting Tings“ haben die zwei Musiker ihr einziges Album „We started nothing“ veröffentlicht. Doch damit haben sie sehr wohl etwas gestartet.
Dass Katie White mit Hardcore-Punk zuvor kein Glück hatte, darf wiederum als Glück für die Zuhörer ausgelegt werden – auch wenn es ganz sicher Kritiker gibt, die Frau White fehlende Sangeskunst attestieren. Das ist zum einen aber Geschmacksache und zum anderen kann man der jungen Dame aber eines nicht absprechen: Energie und die Fähigkeit, eine Stimmung zu transportieren.

Dabei ist der Start in die musikalische Hörreise auf der CD mit „Great DJ“ noch ziemlich verhalten, da ist der Pop-Einfluss schon fast zu groß, um für Aufmerksamkeit zu sorgen, das ist ein schon fast boshaftes in Sicherheit wiegen des Zuhörers, der aber kurz darauf aufgeweckt wird. Ihr volles Potential entfalten Jules De Martino und Katie White mit „That’s Not My Name“, bei dem White die Punk-Vergangenheit stückweise einholt, ohne dabei den Pop zu zerstören. Viel wichtiger: Der Beat, den De Martino spartanisch anmischt, geht ins Blut. Ganz simpel, ganz einfach, aber eben effektiv. Darauf muss man erst einmal kommen. In dieselbe Kerbe schlägt da dann noch „Shut Up and Let Me Go“ – ein Titel, der auch durch die funklastigen Gitarrenklänge schon mächtig Wippen bei Kopfnickern mit sich bringt. Beachtlich, ist im Übrigen, dass Katie White noch gar nicht so lange den Umgang mit den Saiten beherrscht. Dass da gesanglich dann tatsächlich nicht viel kommt, macht die gute Frau White damit wett, dass sie Stimmung und Worte exakt auf den Punkt bringt – und das ist dann in jedem Fall mehr wert, als die präzise, aber herzlose Sangeskunst der Bohlen-Zöglinge.
Dabei ist immer die gute rhythmisch Grundlage, die De Martino einspielt, das A und O der Songs. Mal spartanisch, mal kompliziert, aber niemals langweilig, mal simple Loops, mal etwas aufwändiger, aber ganz sicher in jedem Fall rhythmisch treffend. Nicht alles ist so gelungen wie „Impacilla Carpisung“, aber es ist landet nichts einfach so im Mainstream-Strom, es gibt genug Ecken und Kanten, an denen sich viele stoßen und einige wenige festhalten werden. Der Groove macht die Musik und White gibt mit der gepresst gebremsten Kraft ihrer Stimme, die immer ein wenig so klingt, als wäre da noch wesentlich mehr, aber sie hätte dafür gerade keine Zeit, ihren vokalischen Senf dazu.
Doch gibt es auch Ausnahmen: So ist mit „Traffic Light“ ein lyrischs, liebreizendes Liedlein entstanden, dass aufgrund seines Dreivierteltaktes durchaus auch auf dem Opernball gute Karten hätte, irgendwann mal gespielt zu werden. Was für ein Fest für die Gedanken, sich einmal vorzustellen, die ehrwürdigen Damen und Herren tanzten zu den Klängen der Ting Tings und wüssten gar nicht, was dahinter steckt. Aber wer weiß das heute schon? „Don’t you be a traffic light
With all things said
You turn to red
Don’t you be a traffic light“
So einfach kann das Leben manchmal sein, so einfach wie der Name „The Ting Tings“. Und so einfach wie die Titel „Fruit Machine“ oder „We Walk“ sich eingängig ins Ohr grooven, so schwierig ist es auch. Dass die beiden Briten auch davon profitierten, dass „Shut Up and Let Me Go“ mal für eine iPod-Kampagne benutzt wurde, sollte den Erfolg auf keinen Fall schmälern. Tanzbar oder einfach nur für die gute Laune: „We started nothing“ ist, wenn man den Titel nimmt, eine deftige Untertreibung. Und es zeigt sich eben, dass die Zusammenkunft mit einem guten Schlagzeuger wirklich Sinn machen kann. Wenn der Jules De Martino heißt und der Mensch, der ihn kennenlernt, Katie White ist.

Advertisements

2 Gedanken zu „ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: der Schriftstehler

  1. quengelexemplar sagt:

    Sehr gute Rezension! Informativ und gleichzeitig unterhaltsam. Ich mag besonders diesen Satz: „Die beiden einigten sich nicht auf billigen Sex oder eine gemeinsame Zukunft im Reihenhaus mit geregeltem Ehebrechen, sondern auf rhythmischen Pop.“ Aber auch sonst: großes Kino!

  2. Merci – wenn Du Not am eigenen Mann hast, können wir das ja mal fortführen… auch, wenn ich momentan viel unterwegs bin…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: