Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (8)

Okay, ich sage nur schnell, worum es geht. Bin eh schon zu spät dran… Thema ist diesmal „Transilvanian Hunger“ von Darkthrone.

Darkthrone - Transilvanian Hunger

Es hätte so ein schöner Tag werden können. Ein Spaziergang im Park durch die kühle Herbstluft, dann in einen leuchtenden Supermarkt eingekehrt, sich mit Schokolade eingedeckt, danach in das warme Zuhause.  Ich glühte weihnachtsmannrot vor Weihnachtsstimmung. Doch, Schock, daheim wartete der Grinch auf mich… Er deutete unwirsch auf den Computer und ich wusste, worauf er hinauswollte: die Brut des Bösen saß im Downloadordner. Darkthrone heißen die stolzen Eltern. “Transilvanian Hunger” haben sie ihr hässliches Kind getauft.

Ich wusste doch, dass es sich eines Tages rächen würde, dass ich mich immer lustig gemacht habe über Black Metal. Aber es war auch zu verführerisch! Diese gewollt böse in die Kamera glotzenden Gestalten alleine schon! Und dann diese Musik! Das Gekrächze war doch eher süß, als böse. Und zwischendurch darf dann noch eine Opernsängerin dazwischen tirilieren, weil man ja schon auch Hochkultur sein möchte. Mein Fehler war: ich habe Cradle Of Filth für authentischen Black Metal gehalten. Und jetzt kommen die Dämonen, um mich zu holen…

Schon dringen schwarze Schwaden aus den Boxen. Sie nehmen den gesamten Raum ein; es wird kalt. Gitarren und Schlagzeug sind stumpf und monoton und ich will gar nicht wissen, was der “Sänger” da grollt. Wahrscheinlich beschwört er die Heerscharen der Hölle herauf. Bestimmt singt er direkt aus dem Höllenfeuer. Er wird mich fressen. Ich bin fasziniert.

Ich bin fasziniert? Ja, tatsächlich! Wider Erwarten bin ich gar nicht abgestoßen und auch nur ein kleines bisschen genervt. Belustigt? Gott bewahre! Dies ist einer der Momente, der mich froh sein lassen, diese Serie begonnen zu haben. Man hängt ja immer so an seinen Vorurteilen. Nun muss ich sie einmal abstreifen und ich mache es gerne. Denn, ja, es ist Kunst, wie hier sämtlicher Virtuosität abgeschworen wird, wie man jeden Gedanken daran mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert. Darkthrone wollen die größtmögliche musikalische Effektivität. Aber – und das ist der Clou – die Musik ist gleichzeitig möglichst schrottig produziert worden. Das ist in etwas so, als würde man einen Film mit spektakulären Actionszenen mit einer Handykamera abfilmen. Gut, das wird dauernd gemacht. Aber im Falle Darkthrone ist das Resultat wirklich toll! So wird dem Sound etwas “Angegammeltes” verliehen, die morbide Stimmung noch verstärkt. Ich gerate im Laufe der Spielzeit in eine leichte Trance.

Und als dann die Platte zu Ende gelaufen ist – andere würden sagen: “überstanden” – da habe ich doch tatsächlich Lust, sie noch einmal zu hören. Man lernt nie aus. Auch, was die eigenen Vorlieben betrifft.

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7 Gedanken zu „Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (8)

  1. ChaosEagle sagt:

    Hihi, also DAS hätte ich jetzt bei dem was von deinem sonstigen Musikgeschmack durch die vorherigen Rezensionen schimmerte nicht gedacht!
    Gute Rezension, weiter so! 🙂

  2. t_al sagt:

    Ich gebe zu, ich habe auf iTunes kurz in das Album von Darkthrone reingehört und mich sofort auf diese Rezension gefreut. Ich habe fest mit Hasstiraden und wilden Beschimpfungen gerechnet, gar erwartet. Doch dann das, eine Liebeserklärung an den Black Metal von Darkthrone. Ich bin verwirrt, ich bin begeistert. Danke!

  3. JoSilberstein sagt:

    Du hast gekämpft, Du hast gewonnen.
    Die Rezension gibt Zeugnis Deiner tatsächlichen Unvoreingenommenheit, Deines Abstraktionsvermögens und Deiner überdurchschnittlich ausgeprägten Fähigkeit, Eindrücke in Worte zu fassen. Ich halte Deine Rezension für schlüssig, legitim und nachvollziehbar. Ich freue mich darauf, mehr von Dir zu lesen.

  4. niun sagt:

    Das Lob hast Du auch aus meiner Sicht verdient.
    Falls die Angst vor der kalten Dunkelheit noch nicht wiedergekehrt ist, empfehle ich mal das Album „Dark Medieval Times“ von Satyricon zu hören. Das ist aus meiner Sicht die Urform des schlecht produzierten aber bombastischen Black Metals, die bei mir ab einer gewissen Lautstärke langanhaltende Gänsehautschauer und hypnoseartige Trance auslöst.

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