Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (6)

Dieser Text war eine schwere Geburt. Umso froher bin ich, ihn nun raushauen zu können. Über die Qualität dürft ihr gerne in den Kommentaren urteilen. Es geht um „Desperate Straights“ von Slapp Happy und Henry Cow.

slapp happy

Heute war es dann soweit. Die Herbstdepression stand vor der Türe. Besser gesagt: sie trat die Türe ein, denn Herbstdepressionen sind nicht dafür bekannt, dass sie höflich klingeln und warten, bis man ihnen öffnet. Fast noch schlimmer war es, wen sie im Gefolge hatte: die Selbstzweifel. “Wir haben alle schon Badehosen an!” plärrten sie. “Lass’ uns ein Bad in Tränen nehmen!”  Wohlgenährt sahen sie aus, denn sie waren in den letzten Tagen reichlich gefüttert worden.

Dies liegt, so ungern ich es sage, an meiner neuen Tätigkeit als Selfmade-Musikkritiker. Hatte ich sie im großen Vertrauen auf meine enzyklopädischen Kenntnisse begonnen, wurde mir im Laufe der letzten Tage immer klarer: ich weiß gar nichts. Das begann bei der Musik, die mir zur Besprechung aufgetragen wurde und von der ich, bis auf Oasis, nie einen Ton gehört hatte und fand seinen Höhepunkt am vergangenen Samstag seinen Höhepunkt darin, als mir meine locker zehn Jahre jüngere Vertretung vormachte, wie kenntnisreich so eine Rezension sein kann. Kenntnisreich in Bezug auf die musikalischen Mittel und kenntnisreich in Bezug auf vergleichbare Interpreten. Ich stehe wie der Ochs’ vorm Berg aus Dingen, die ich nicht weiß.

Und ich stehe heute noch, da ich Slapp Happy und Henry Cow besprechen soll. Noch nie gehört… Aber gerne gehört! Soviel darf ich schon einmal verraten.

Verraten möchte ich auch, was ich Dank Wikipedia dann doch noch lernen durfte, nämlich, dass es sich bei Slapp Happy und Henry Cow  um Avantgarde-Pop- bzw. Art-Rock-Gruppen handelt, die 1975 zusammenkamen, um das Album “Desperate Straights” miteinander aufzunehmen. Das sind so die Basisinformationen. Den Rest kann man hier und hier nachschlagen.

Nicht nachschlagen kann man jedoch, wie die Musik klingt. Die kann man sich nur anhören oder aber meiner ungefähren Schilderung vertrauen. Ich werfe mal so mir nichts, dir nichts “Freak Folk” in den Raum. “Jazz” ebenso. Namen wie CocoRosie und Baby Dee. Sehr heutig klingen diese meist kurzen Songs und sehr fröhlich – geisteskrank fröhlich. Dem meist weiblichen Gesang wohnt etwas Manisches inne, wovon ich mich gerne mitreißen lassen, hinaus aus dem Depressionsschlick. Der Irrsinn setzt sich bis in die Texte fort, Songtitel wie “Some Questions About Hats” und “Apes in Capes” sprechen sicherlich Bände. Vor allem aber bin ich ganz hingerissen davon, wie modern das alles ist, wie wohltuend untraditionalistisch und dennoch eingängig. Wieder drängt sich mir der Gedanke auf, den ich gestern schon hatte, als ich eine Dokumentation über die 60er-Band “The Monks” sah – dass die Musik früher in vieler Hinsicht moderner war, als man es meint und oft auch radikaler, als sie es heute ist. Und wie bemerkenswert diese Tatsache ist, im Anbetracht der Tatsache, welch’ rauer Wind Freigeistern einst entgegenschlug.

Muss ich mehr sagen? Das ist durchaus eine Frage, die sich im Allgemeinen stellt. Jeder kann sich dank dieses Internetzes Musik innerhalb von ein paar Minuten selbst anhören und sich eine Meinung darüber bilden. Hier soll es um mich und die Musik gehen, was mir dazu einfällt und was ich dazu empfinde. Und, um den Bogen zurück zum Anfang zu finden: es muss ja auch so sein. Ich kann wenig intellektuell Erhellendes über Musik äußern, weil ich, wie gesagt, nichts weiß.

Und, wenn ich mal ganz ehrlich bin, es gibt auch wirklich Schlimmeres. Schlimmeres gibt es auch als die vorliegende Platte. Im Gegenteil. Die ist sogar ziemlich toll.

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6 Gedanken zu „Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (6)

  1. Epi sagt:

    Das hat mich gerade ein wenig traurig gemacht…

    • quengelexemplar sagt:

      Huch! Wieso?

      • Epi sagt:

        Herbstdepressionen, Selbstzweifel… „Lass’ uns ein Bad in Tränen nehmen!“… Der Tonfall. Schwermütig und ein wenig resigniert.

        Aber ich bin fast schon versucht, eine Hörpr0be zu wagen – allein aus Neugierde – auch wenn ich „solche“ Musik eigentlich gar nicht ausstehen kann. 🙂

      • quengelexemplar sagt:

        Danke! Das fasse ich jetzt einfach mal als Kompliment auf. Und das von einem Sprachfetischisten wie dir… 🙂

  2. elkessommer sagt:

    Well done! Insbesondere in der selbstauferlegten Knappheit an Zeit.

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