ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Max „@mlampin“ Lampin

Einen gesegneten Samstag euch allen! Ich hoffe, ihr seid genauso gut gelaunt wie ich, obwohl das ziemlich unwahrscheinlich sein dürfte. Schließlich darf ich heute ENDLICH einmal den Spieß umdrehen! Ich bestimme die Musik – einer meiner Leser rezensiert sie.

Mit Stolz kann ich mitteilen, dass ich den wunderbaren Max „@mlampin“ Lampin für die erste Folge dieser samstäglichen Rubrik gewinnen konnte, dessen Blog teilzeitluegen.blogspot.com ihr bitte alle später noch einen Besuch abstattet! Es lohnt sich! Nun aber möchte ich an meinen Stellvertreter übergeben.

Ach ja: sein Text behandelt übrigens „Rockin‘ The Suburbs“ von Ben Folds.

rockin-the-suburbs

In hanseatischem Leichtsinn hat sich das @Quengelexemplar dazu entschlossen, sich auf die CD-Wünsche seiner (größtenteils mit Schadenfreude ausgestatteten) Blog-Leserschaft einzulassen und dafür eine Rezension zu schreiben – komme, was wolle. Und so musste er sich durch längst verdrängten Britpop (Oasis), klassische Sentenzen (Mahler) und apokalyptischen Postrock (gy!be) kämpfen (das letzte übrigens ein (größtenteils mit Schadenfreude geschriebener) Vorschlag.
Da er seine Arbeit aber jedesmal wider Erwarten ganz toll gemacht hat, war es Zeit für die Revanche des Quengelexemplars und so suchte er einen Deppen, nein, äh, einen ambionierten Twitterati, welcher auch mal eine CD rezensiert, die das Quengelexemplar vorgeschlagen hat.
Ja, wunderbar! Und da bewerb ich mich auch noch! Halleluja.
Und das, obwohl sich so tolle Twitter-User wie @kchkchkch oder @ronzronz drum beworben haben. Hähä! Ich war aber der erste, also darf ich das machen. Ich entschuldige mich im Vorraus. Vor allem, als ich den Titel der CD erfuhr: Rockin‘ The Suburbs von Ben Folds. Das klingt ja wie so ein blöder Gitarrenschmalzchansonrockabillyscheiß à la Eric Clapton, denke ich und wikipediere erstmal den Albumtitel. Ich erfahre, dass Ben Folds ein anscheinend gut klingender Singer/Songwriter aus den Staaten und gerade mal 43 Jahre alt ist. Außerdem erfahre ich, dass das Album „Rockin‘ The Suburbs“ sein opus magnum sei, und dass es am 11. September (ja, an dem! 11. September) erschien. Insgeheim freute ich mich schon drauf, die Lyrics des Albums nach verschwörungstheorethischen 9-11-was-an-inside-job-Gemurkse zu durchforsten.
War aber nicht. Schade eigentlich.
Während des Downloadens, ähm, äh, also während ich auf die Musik warte, mache ich mir Gedanken: Und wenn das so melancholischer Singer/Songwriter-Krach ist, wo jemand diffuse Poesie ins Mikro jault und dann drei Akkorde spielt (Beispiele gefällig? Scott Matthews, Bon Iver oder Windmill fallen da negativ auf). Oder wenn das so slacker-Indie-Rock ist, der in jedem Lied gleich klingt und darüber handelt, wie man Mädels knutscht und am Kapitalismus verzweifelt (Negativbeispiele auch hier: Pavement, Yo! La Tengo, The Okervil River)? Oder achtminutenlange Balladen über Zitronentee und verflossene Liebesbriefe? Progrockiges Gitarrengejaule, während jemand Studentenlyrik ablässt? Ein vergewaltigter Sampler? Komplexe politische Betrachtungen wie bei den Goldenen Zitronen? Autobiographisches, Verzetteltes, Humorvolles wie bei Knarf Rellöm? Netter Indie mit klugen Texten? Verjazztes, verbluestes? Weltmusik? Experimenteller Krach? Sigur Ros trifft auf Merzbow? Will sich das Quengelexemplar rächen? Ich hatte Bedenken.
45 Megabyte später kann ich die Musik zum ersten Mal hören. Rockin‘ The Suburbs. Ben Folds. Ich bemerke, dass ich nervös bin.

Erster Track: Annie Waits
Lyric mit dem meisten Potenzial für Verschwörungstheorien: Annie waits for the last time.
Mein erster Gedanke: Das ist doch Cass Combs, der da singt, oder?
Fazit: Klarer Opener, der zeigt, wohin der Weg geht. Verträumter, ungezwungener Folkindiepoprock. Locker-flockig. Kann man meistens ja nicht mit falsch machen. Der Song ist für mich ein wenig zu sehr „Hitradio“-kompatibel, weil der Track wirklich so wegrutscht. Auch wenn die Arrangements (das dominant den Schwung angebende Piano, die Streicher im Hintergrund, der spacige Bass) sich durchaus Mühe geben, wenn man von den eher uninspirierten Drums absieht.

Zweiter Track: Zak and Sara
Lyric mit dem meisten Potenzial für Verschwörungstheorien: You’ll all die in your cars, and why’s it gotta be dark?
Mein erster Gedanke: Ratatatat! Das Lied hebt an, hebt auf, macht den matten Opener definitiv wett!
Fazit: Der Songtext ist großartig, allein für die erste Strophe möchte man Ben Folds danken. Zak (ohne c geschrieben) schreibt für Sara (ohne h geschrieben) ein Lied, welches sie definitiv toll findet (Visions of pills that put you in a loving trance That make it possible for all white boys to dance And when Zak finished Sara’s song, Sara clapped). Das Ende, wo nur noch gelalala…t wird, ist das tollste am Lied. Vertracktes Schlagzeug, opulente Ausstattung und Ben Folds zeigt gesangstechnisch auch, wo der Hammer hängt. Nettes Ding!

Dritter Track: Still Fighting It
Lyric mit dem meisten Potenzial für Verschwörungstheorien: We’re still fighting it, we’re still fighting it
Mein erster Gedanke: Verdammt, ne Powerballade!
Fazit: Musikalisch wirklich eher langweillig. Ein dahinplätscherndes, langsames Schlagzeug spielt zu dahinplätscherndem, langsamen Piano und im Refrain dahinplätschernden, langweilligen Gitarrenklang. Der Bonus dieses Liedes liegt wohl wirklich eher im Text, der dafür mal wenigstens großartig ausfällt. Eine Anklage an die Jugend, eine bittersüße Ode, eine Leere, eine Kraft… all das kann der Song textlich sehr gut ausdrücken, musikalisch kommt davon leider nichts an. Dafür hätte man mehr wagen, mehr trauen müssen.

Vierter Track: Gone
Lyric mit dem meisten Potenzial für Verschwörungstheorien: The chemicals are wearing off.
Mein erster Gedanke: Dieses „uuuh-uh-uuuuh“ finde ich klasse! Aber warum immer das Klavier?
Fazit: Erdig, treu, klar. Lied über das Verlassen werden, über das Loslassen, über das Akzeptieren, über das Weitermachen. Sehr feine Lyrics. Wäre ich Autor der spex würde ich gar schreiben: „Die Lyrics sind straight to the point, Folds macht klar: Ich bin verlassen worden, also back to the roots!“ Seine Stimme erinnert mich an Nico Muhly (besonders beim Lied Fred Jones, Part 2) und sowieso wird alles langsam endlich mal mutiger! toller! komplexer! als am Anfang.

So verstecken sich die echten Perlen bei den Mitteltracks wie das bereits erwähnte Fred Jones, Part 2, das Lied The Ascent Of Slam beinhaltet ein Banjo, deswegen genial, da kann mich selbst die E-Orgel und der Eurodance am Ende nicht abschrecken (ich hoffe, Folds nutzt das ironisch). Losing Lisa könnte ein Kracher sein, wenn sich das immergleiche Schlagzeug mal entscheiden würde, obs einen bunten Nachmittag im Altersheim begleitet oder eine Platte mit „Alternative Rock“ (Wikipedia). Der Refrain mit dem charmant dahingeflöteten Black tears are falling, falling kann begeistern. Neben Zak and Sara mein bisheriger Liebling auf der Platte.
Doch woran liegt es, dass ich viele der Lieder als so monoton und repetativ empfinde? Ben Folds ist ein Lyriker vor dem Herrn, doch die größtenteils gähnend langweillige Untermalung seiner Beobachtungen machts dazu, dass die Platte auch neben R.E.M., Tina Turner, Aerosmith oder anderen Unholden eingeordnet werden darf. Das kann nicht im Sinne Folds‘ sein, der auf den Fotos wie ein verspielter Nerd („i’m a brown polyester boy„), kindlicher Freigeist in die Kamera grinst. Gewagte These: Vielleicht brauchten die Amis nach 9/11 ruhigen, folkigen Rock mit netten, unaufgeregten Texten?

Versuche ich es halt mit dem „Hit“ auf der Platte: Rockin‘ The Suburbs. So heißt nicht nur das Album, so heißt auch ein Lied auf dem Album, dass auch ausgekoppelt wurde.
Es ist krachig, die Gitarre wird rausgeholt, ein Tag am Strand, man surft in den Sonnenuntergang? Beach Party und der Kalle legt einen Schweinebraten auf den Grill.  Die Sportler flirten, die Pragmatiker fressen Fleisch, die Nerds transspirieren. Da lädt Ben Folds zum Mitsingen ein und am Ende liegen sich alle in den Armen. Es ist netter Surf-Rock, der aus meinen Boxen blubbert. Ich höre Meeresrauschen und werde mir erst beim Zuhören bewusst: Der singt da nicht über Strand, Sonne, Party und ein komischer Freund, der rohes Fleisch auf den zischenden Grill schmeißt und Spruch-T-Shirts trägt. In Wirklichkeit redet er über das schlichte, spießbürgerliche Mittelschichts-Kleinstadtleben und wie man versucht, auszubrechen. Das bisschen Nerd-Humor darf da natürlich nicht fehlen. Im rocking the suburbs Just like michael jackson did Im rocking the suburbs Except that he was talented: Sich selber schlecht machen ist Themenpunkt #1 im Alternative Rock. Wie das sein bekanntester Song werden konnte, ist mir schleierhaft. Falls Folds jedoch auf dem selben musikalischen Niveau (Klavier+Drums+Gitarre) geblieben ist, ist es mir doch nicht schleierhaft. Dudelfunk-Surfrock ist ja auch ganz annehmbar und tut niemandem weh.

Das vorletzte Lied Fired lärmt noch schick vor sich hin, Jazzrock-Influenzen ganz klar gegeben, was ich durchaus positiv anmerken möchte. Auch Prog-Einfluss ist irgendwo da im Lied, kann nicht genau ausmachen wo, aber… ist vorhanden!

Der Closer (verdammt, ich muss mein Spex-Vokabular auf den Müll bringen!) – Also das letzte Lied des Albums, The Luckiest, kann doch noch berühren. Das Piano säuselt still, Drums halten gottseidank die Fresse (ich muss es so hart ausdrücken), Streicher können endlich was bewegen, gut so! Zum Text: Es ist eigentlich eine simple Ballade. Ein Mensch, der vieles im Leben falsch gemacht hat, resigniert, morsch, kein Antrieb. Da entdeckt er your lovely face und kann doch dahinhauchen, dass er weiß, er ist the luckiest. Und eben diese Zeile: the luckiest betont Folds so sarkastisch und resigniert, dass man nicht weiß, muss man glauben, was er singt? Hat er die Liebe gefunden? Heuchelt er? Ist er der Glücklichste? Oder… doch nicht? Allein diese wunderbare kleine Betonung macht viel aus und lässt das Lied noch mal zehnmal besser dastehen. Sehr guter Schlusstrack.

Endnote: 6/10.
Aber warum?: Das Album ist einfach zu fad, um dauerhaft zu begeistern. Zuviel Dudelfunk, zu viel Einheitsgrau, zuviel Viervierteltakt. Die Mischung kann drei, vier Minuten begeistern, aber nicht 48 Minuten. Da können auch die sensibelsten, feinfühligsten, präzisesten Texte nicht helfen (diese Texte sind eh das größte Plus am gesamten Album).  Künstler wie Xiu Xiu, The Sea and Cake, Cass Combs oder Tender Forever können da heute viel mehr reißen! Tschuldigung, Ben. Nimms nicht persönlich.

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13 Gedanken zu „ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Max „@mlampin“ Lampin

  1. susealiaspaul sagt:

    Also…
    sorry, quengelexemplar, aber DAS ist hier bisher die rezensierendste Rezension bis jetzt. Schön gegliedert, man kann die beurteilung ziemlich nachvollziehen kann, auch, wenn man ihr nicht hundertprozentig zustimmt.
    allerdings dafür auch nicht ganz so eine bildliche, mit metaphern vollgestopfte sprache, was für mich persönlich(!) leider wieder ein großer minuspunkt ist.

    achso, und n schönes album hast du da ausgewählt, finde ich.

    (oh, ich entdecke gerade, der nächste schreiberling wird hier per kommentar ausgelost?
    dann sag ich lieber schnell, dass ich, so gern ich das auch machen würde, dabei erstmal ausscheide, da ich die nächste woche wohl nur seh wenig ins i-net kommen werde =/ )

    • quengelexemplar sagt:

      Nein! Ich meinte: derjenige, der das nächste Album bestimmt, das ich dann rezensiere… War das so missverständlich ausgedrückt? Mist!

      • susealiaspaul sagt:

        oh,
        na für MEIN hirn war es irgendwie missverständlich. was deine anderen follower angeht, weiß ich nicht.
        aber dann mach ich ja doch unbedingt mit, bitte ^^

      • quengelexemplar sagt:

        Bis jetzt hast du ja auch gute Chancen! 😉

  2. boRp sagt:

    Ich stimme dir nicht immer zu. Aber ich weiß eine ausführliche Kritik bzw. Rezension zu schätzen. Mir persönlich ist das Album nämlich nicht zu fad gewesen…

    Kennste Mocky? Der hat zwei grandiose Alben herausgebracht, von denen ich eines gerne von dir rezensiert sähe… Are + Be und der Nachfolger Navy Brown Blues.

    Peace!

    • quengelexemplar sagt:

      Öhm, ich nehme mal an, der erste Teil des Kommentars ist an den Rezensenten – Max Lampin – gerichtet und der zweite Teil an mich, Quengelexemplar?

  3. Patrick sagt:

    Oh, Ben Folds? Na dann sei mal froh, Quengelexemplar, dass nicht ich deine Vertretung war. Hätte glatt deine Glaubwürdigkeit vernichtet, denn: Jeder Müll, den Ben Folds macht, bekommt von mir trotzdem 12 von 10 möglichen Punkten. Einfach, weil er so ein großartiger Kerl ist.

    *anDerAuslosungTeilnehm*

  4. susealiaspaul sagt:

    muss jetzt grad mal ganz dreist sein, da ich morgen erstmal wegfahre und daher noch nicht weiß, wann ich das nächste mal online bin:

    FALLS ich bestimmen darf, welches Album als nächstes rezensiert werden darf, hätte ich gern
    Joe Henry- Blood From Stars.
    Kann man sich auch komplett auf seiner website anhören, braucht man also nicht mal illegal downloaden^^

    Ich hoffe, ich mache jetzt hiermit nicht eine unvoreingenommene Auslosung unmöglich…

    • quengelexemplar sagt:

      Nö. Ich schreibe einfach alle Namen auf kleine Zettelchen und dann ziehe ich einen mit verschlossenen Augen… 🙂 Ist also kein Problem.

  5. quengelexemplar sagt:

    So, ich schreibe jetzt auch mal was… Aaaalso: ich war ja erst ein wenig erschrocken, als ich gesehen habe, wie lang der Text geworden ist. Er las sich dann aber überaus gut und flüssig, von daher ging die Länge völlig in Ordnung.

    Was den Inhalt angeht, hatte ich ja beinahe mit so einem Urteil gerechnet. Ich dachte mir irgendwie schon, dass dir diese Musik, die ich im Übrigen ganz wundervoll finde, ein wenig zu glatt ist. Umso mehr wusste ich zu schätzen, wie ernsthaft und vorurteilsfrei du dich damit auseinandergesetzt hast. Vor allem, dass du soviel Augenmerk auf die Texte gelegt hast, fand ich sehr begrüßenswert. Dein durchwachsenes Urteil kann ich nachvollziehen, auch wenn ich es, wie gesagt, ganz anders sehe.

    Well done!

    • Max sagt:

      Ich hab ja da mit was Rockigem oder Poetischem (Bright Eyes-mäßig) gerechnet. Leider fand ich das Album wirklich durchgehend zu glatt, allein die Texte sind großartig. Das ist sowieso ein weit verbreitetes Gräuel, dass Texte in Fachrezensionen (in der Presse oder so) immer eine eher untergeordnete Rolle spielen.

      Ich war auch ein wenig über die Länge beeindruckt, und besorgt, ob man sich das überhaupt noch bis zum Ende durchlesen wird. Aber ein paar haben das ja gemacht und das find ich toll! 🙂

      Max

  6. elkessommer sagt:

    Diese schöne, ausführliche Rezension und das verlinkte Video zeigen mir, dass Ben Fold auch für mich nichts ist.

  7. Dominik sagt:

    Schade, ich hätte ja auf ein altes Ben Folds Five-Album gehofft. Aber naja 🙂 Steckt Klavier drin, deshalb sowieso 10/10 😉

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