Ich bringt die Musik, ich die Rezension (5)

Herzlich willkommen zur letzten Folge vor dem Wochenende. Morgen werde ich hier sehr charmant vertreten und übermorgen wahrscheinlich halbtot unterm Wohnzimmertisch liegen. Montag übernehme ich dann wieder.

Heute geht es um „Where Are We Coming From, Where Are We Going Tovon Madventure.Und ich kann jetzt schon verraten: es wird ein Happy End geben!

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Ich gebe zu, dass es mir manchmal große Freude macht, vom Leder zu ziehen. Ob es nun um langweilige Musik, gestelzte Literatur oder stumpfes Fernsehen geht – meine Rohrspatzqualitäten sind gefürchtet. Es ist nicht so, dass ich unter schlechter Kunst oder Unterhaltung leiden würde, wenn sie mir begegnet, auch wenn ich gerne so tue. Die erschreckende Wahrheit ist, dass ich Schimpfen erfrischend finde wie einen kühlen Regenguss. Ich will überhaupt nicht, dass mir alles gefällt.

Hier muss ich allerdings eine große Einschränkung machen. Diesen Spaß am Hassen habe ich nämlich ausschließlich bei Etabliertem, bei tausendmal gesehenen Showbiz-Fratzen. Was die Mehrzahl derjenigen betrifft, die ihre Kunst unterm Radar fabrizieren, die vielleicht sogar aus meinem direkten Umfeld stammen – deren Werke will ich lieben. Und kann es so oft nicht. Kein böses Wort hört man dann aus meinem Mund! Weil böse Worte hier tausendfach treffen würden. Klar mache ich manchmal Verbesserungsvorschläge. Es muss allerdings Hoffnung auf Besserung bestehen.

Der geneigte Leser möge mir die lange Vorrede verzeihen, aber ich denke, dass sie nötig war, meine Gefühlslage vor der Besprechung dieses Albums zu verdeutlichen. Madventure fällt ganz klar in die Kategorie “kleine Bands, die ich lieben möchte”, aber was ist, wenn ich sie nicht lieben, ja, noch nicht einmal mögen kann? Was, wenn sich doch eher das Wort “Hass” aufdrängt? Dann werde ich mich dazu bekennen müssen. Und das wird weh tun; mir vielleicht am meisten.

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Madventure machen es mir dann auch erstmal schwer schwer. Das fängt schon beim Namen an, einem albernen Wortspiel aus “mad” und “adventure”. Ein verrücktes Abenteuer. Verrabenteuer. Allein schon sich selber als “verrückt” zu bezeichnen – das geht doch nicht. Um es mit den Worten eines berühmten Menschen, dessen Name mir gerade entfallen ist, zu sagen: “Wirklich verrückte Menschen kennen das Wort ‘verrückt’ nicht einmal.” Meine aufkeimende Abneigung lässt das Aufkeimen auch dann nicht, als ich das Albumcover näher betrachte. Das sieht ja aus wie das Artwork eines Esoterik-Buchs! Und der Titel “Where Are We Coming From, Where Are We Going To” klingt, nun ja, wie der Name eines Esoterikbuchs!

Man bemerke: ich habe bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Ton gehört! Und hätte es wahrscheinlich auch nicht getan, wenn mich nicht das Pflichtgefühl dahin getrieben hätte. Gut, dass es mich trieb! Denn sonst wäre mir eine Stunde schönen, kurzweiligen Prog-Rocks entgangen. Und wer weiß, wie oft Prog in endloses Gitarrengegniedel und in ödes Muckertum ausartet, von dem sich Punk zu recht distanziert hat, und das oft ziellos ausufert wie dieser Satz, der erkennt überhaupt erst die Größe des Kompliments.

Eigentlich ist schon beim Intro klar, dass Madventure zu den Guten gehören. “Where Are We Coming From” heißt es und das Rauschen des Meeres hört man. Denn: da kommen wir her! Was für eine charmante Idee! Der erste Track zeigt dann, wo es hingeht, und ich folge gerne, denn das klingt wirklich ansprechend. Der Sänger pendelt sehr angenehm zwischen Cat Stevens und Bruce Dickinson hin und her und die Melodien haben ein Pop-Appeal, das bis zum Schluss erhalten bleibt, selbst beim fünfzehnminütigen “Recurring Pictures”. Das muss man auch erstmal schaffen, sich auf dieser Länge nicht völlig zu verzetteln. Auch die Texte fallen alles andere als negativ auf. Das ist ebenfalls eine Besonderheit, weil es nicht selten außerordentlich peinlich wird, wenn sich deutsche Bands am Englischen versuchen. Die Produktion kann das internationale Niveau zwar nicht ganz halten, aber Schwamm drüber. Wenn “Proberaum” am einen Ende und “Rick Rubin” am anderen Ende der Skala ist, tendiert sie doch sehr viel deutlicher zu letzterem. Zum Ende hin droht mein gehobener Daumen ein kleines bisschen zu kippen, er zittert zumindest ein wenig, aber dann ist es auch schon vorbei und ich bin froh. Froh, die verbale Peitsche eingepackt lassen zu können.

Froh auch, dem Leser, der bis hierhin dabei geblieben ist, mitteilen zu können, dass niemand auch nur einen Cent für diese Musik ausgeben muss. Legal und kostenlos gibt es sie hier zum Download und ich kann nur empfehlen, dem Link möglichst zahlreich nachzugehen. Es soll euer Schaden nicht sein. Ich zumindest bin überaus angetan.

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