Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (3)

Hello again, lieber Leser. Ich will mich nicht lange mit Vorgeplänkel aufhalten. Diesmal soll es um „F#A# Infinity“ von Godspeed You Black Emperor! gehen.

godspeed

Willkommen zur Apokalypse. Oder ist es schon die Post-Apokalypse? “Post-Rock” nennt man, was ich gerade gehört habe. Ja,  ich habe auch den Eindruck, das es sich nun schon ausgerockt hat. Bin ich nicht damals, vor zwei Tagen, angetreten, um meine Fähigkeit, Songs zu beschreiben und diese Beschreibungen mit persönlichen Emotionen und Anekdoten zu garnieren, mit der Öffentlichkeit zu teilen? Klar, dass ich mir nun die Zähne ausbeiße, weil es sich bei den Stücken von “F#A#(Infinity)” nicht um Lieder handelt, sondern um… ich will es mal behelfsmäßig “Atmosphäre” nennen.

Wobei: Zähne ausbeißen ist vielleicht der falsch gewählte Begriff. Ich verstehe durchaus, was hier gewollt wird; mir brennen keine Schaltkreise durch bei fehlenden Songstrukturen und auch fehlende Lyrics lasse ich mir gerne gefallen. Mein Herz springt gewandt durch diese Klanglandschaften und rutscht nicht ab an den vielgestaltigen Soundoberflächen, die die  Musiker mit ihren Instrumenten erschaffen. Allein: die Worte fehlen mir. Man versuche einmal, seine Zimmertapete zu beschreiben! Sicher, man könnte die Farbe nennen, ebenso die Art der Oberfläche. Aber wie soll man ausdrücken, wie die Tapete  wirkt, wie sie mit Schnitt des Raumes korrespondiert, mit den darin befindlichen Dingen? Hier stößt zumindest meine Sprache an ihre Grenzen.

Natürlich – mir fallen ein Haufen Situationen ein, zu denen diese Musik passen könnte. Eine Vielzahl an Dingen, die man dazu tun könnte. Vor allem Kontemplatives. Zu Godspeed You Black Emperor kommt man runter, nicht hoch. Manch einen zieht es vielleicht auch zu tief nach unten. Ich habe diesen Text nicht von Ungefähr mit der (Post-)Apokalypse eröffnet.

Die Landschaften, die das Herz hier beschreitet, sind schroff und entvölkert. Wüsteneien, in denen sich hin und wieder Spuren einer längst untergegangenen Zivilisation finden lassen. So geht mein Kopfkino und auch im realen Film ließe sich mit dieser Untermalung ganz vorzüglich Endzeitatmosphäre erschaffen. Tatsächlich hat es schon jemand getan. “28 Days Later” hieß das Werk.

Doch, halt! Bevor der einstmals geneigte Leser sich nun ab- und heitereren Dingen zuwendet: “Depri-Mucke” ist es nun auch nicht. Keine Musik, zu der man sich die Pulsadern aufschneiden möchte. Die Klänge sind… wie formuliere ich es am besten… weniger kommentierender, als beschreibender Natur. Nein, noch besser: sie sind einfach. Und sie erschaffen in jedem Kopf einen anderen, mal spektakulären, mal gähnend langweiligen Film

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4 Gedanken zu „Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (3)

  1. susealiaspaul sagt:

    schön geschrieben.
    ich kenn das album nicht, kann also zum inhalt nichts sagen, aber da sind einige formulierungen in deiner rezension, die mir wirklich, wirklich gefallen 🙂

  2. Max sagt:

    Gähnend langweillig? Das lass ich nicht gelten! Allein der repetative Dudelsack am Anfang von East Hastings lässt mein Musikherz in höchste Verzückung geraten.

    „Die Landschaften, die das Herz hier beschreitet, sind schroff und entvölkert. Wüsteneien, in denen sich hin und wieder Spuren einer längst untergegangenen Zivilisation finden lassen.“
    Gut gesagt! Sehe es ganz ähnlich.

    PS: Allein wegen dem Cover lohnt sich der CD-Kauf und nicht der schnöde Download (auch wenn GY!BE da nichts gegen haben), denn jeder der die CD sieht, fragt sofort: Was ist das denn?

  3. Ti_Leo sagt:

    Hübsches Review, sehr gut nachvollziehbar und als Kenner des Albums kann ich sagen: Du hast die Grundstimmung sehr schön in Worte gefasst.

    Als Nichtmusikkenner vermute ich aber, anders als du, dass die Musik ziemlich anspruchsvoll ist, sowohl beim Hören als auch beim Musizieren. GYBE! kann man oberflächlich hören, dann dudelts nervig vor sich hin, wiederholt sich ständig, besitzt kaum Dynamik (leise-laut-leise-laut-gähn). Oder man findet (wie du und ich und andere) einen Zugang, dann wird es schwierig, weil es schwer zu erklären ist. Da kann ich mich aber irren.

    Ich jedenfalls bin vor Jahren mit Jaqui Uxo (oder sehr ähnlich) auf GYBE! aufmerksam geworden und ihre Melodien verfolgen einen lange. ^^

    Oh: Bei der Beschäftigung mit der Band kommt man um ihre politischen Meinungen übrigens nicht herum, auch wenn sie keine Songtexte verwenden.

    • quengelexemplar sagt:

      Hey, danke für deinen ausführlichen Kommentar! Eigentlich ist es ja völlig irsinnig anzunehmen, dass man sich nach einem Tag ein profundes Urteil über ein Album bilden kann. Deshalb bin ich froh, anscheinend nicht völlig danebenzuliegen… 😉

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