Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (2)

Willkommen zur zweiten Folge meiner neuen Serie. Diesmal vor Gericht: die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler.

mahlerMein innerer stream of consciousness ist gar kein Strom, ist viel mehr ein Theaterstück mit vielen Protagonisten, die häufig alle durcheinander reden. Jetzt gerade ist das Geplapper besonders lebhaft, wo ich mir eine Meinung über die Kindertotenlieder von Gustav Mahler zu bilden versuche, deren Besprechung mir freundlicherweise jemand aufgebrummt hat. Lasst uns ein wenig dem Gequatsche lauschen:

Meine innere Gouvernante versucht eventuellen Geschmacklosigkeiten von vorneherein Einhalt zu gebieten, indem sie sich jegliche Flapsigkeit verbittet. Es gehe schließlich um TOTE KINDER! Mein innerer Pastor ist schon allein über die Tatsache entsetzt, dass mir zu diesem Thema Witze einfallen würden, denn schließlich handeln die Lieder ja von TOTEN KINDERN! Nun meldet sich mein innerer Musikjournalist zu Wort, der das frisch erworbene Wikipedia-Wissen zu Gustav Mahler und den Stücken gerne an den Leser weitergeben möchte, doch der innere Pragmatiker verlinkt es dann einfach. Der innere Putzmann fegt die verstreuten Gefühle zusammen, die der innere Wissenschaftler dann unter seinem Mikroskop betrachtet. Er entdeckt: Depression, Genervtheit, Überforderung und den dringlichen Wunsch, diese Kunst, Kunst!, doch irgendwie würdigen zu können. Das innere Kind quengelt: “Ich lebe noch! Ich will Prefab Sprout hören!”

Da sind noch viel mehr Stimmen, die sich äußern wollen, aber meine Ohren habe sich angewidert wieder von innen nach außen gestülpt. Ich bin ja ein Kulturbanause! Ich habe ja überhaupt keinen Schimmer!

“Na ja…”, keucht der innere Kritiker, der sich durch die Gehörgänge einen Weg auf meine Schultern gebahnt hat und sich nun den Ohrenschmalz vom Anzug klopft. “Zumindest von Gedichten verstehe ich ein wenig. Und diese Gedichte, die Mahler da vertont hat – das Gelbe vom Ei sind sie nicht, oder? Das tönt doch alles ein wenig platt und bieder und unangenehm frömmelnd, nicht?”

Ich zucke so energisch mit den Schultern, dass der kleiner Kritiker sich schnell an meinem Kragen festhalten muss, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Gerade will ich mich mit meiner inneren Gouvernante in die Haare kriegen, da tritt der Geist von Ludwig Wittgenstein durch meine Wohnzimmerwand. Ich schaue auf die Uhr und denke: “Der ist aber spät dran heute… Und was will er mir da zuflüstern?” Es klingt wie, klingt wie…

“Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.”

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4 Gedanken zu „Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (2)

  1. Susan Ville sagt:

    Man muss bei Mahler berücksichtigen, zu welcher Zeit er gelebt hat und wieso er die KINDERTOTENLIEDER komponiert hat.
    Die Kindersterblichkeit war im 19 Jhd. sehr hoch. Sterbende Kinder gehörten zum Alltag.
    Mahler ist mit der Vertonung eine glaubwürdige Interpretation dieser Thematik gelungen.
    Solch morbide und entsetzliche Worte in Musik zu wandeln ist eine Kunst….vielleicht für unsere Ohren, und in unserer Moderne, nicht mehr nachvollziehbar.

    • quengelexemplar sagt:

      Ja, genau diese Gedanken sind mir auch durch den Kopf gegangen. Es war mir dann aber nicht daran gelegen, zu erklären, warum diese Stücke gelungen sind, sondern darzustellen, wie befremdlich sie in heutigen und vor allem in meinen Ohren klingen. Daraus ließ sich einfach der unterhaltsamere Text stricken… 😉

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