Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (1)

Gestern hatte ich mal eine gute Idee. Bereits heute setze ich sie in die Tat um: ihr nennt mir ein Album, ich schreibe, was mir so dazu einfällt. Heute vor Gericht: (What’s The Story?) Morning Glory von Oasis.

oasis

Oasis, ausgerechnet Oasis! Kann vielleicht jemand mein Hirn löschen, mein Herz formatieren, mir neue Ohren schenken? Was bitte soll ich denn hierzu schreiben?! Besser: was kann ich alles weglassen? Oasis – die waren doch immer schon da, auch wenn sie früher „The Beatles“ hießen. Nein, schon den falschen Ansatz gewählt, denn EIGENTLICH kommt der Beatles-Vorwurf doch nur von denen, die es sich leicht machen wollen. Wenn Oasis Beatles-Kopisten sind, dann sind dies auch 50 Prozent aller zeitgenössischen Popbands. Der Rest kopiert Bob Dylan. Und überhaupt sind ja die Stone Roses für die Entwicklung von Oasis viel wichtiger, bla, bla… Sollen Musikjournalisten die Zusammenhänge aufdröseln.

Wenn ich meine persönliche Beziehung zu Oasis aufdröseln möchte, dann muss ich wohl bei diesem Moment vor 12 Jahren ansetzen, als ich 15jähriges Pubertätswrack weggeblasen, umgeworfen wurde von diesem fantastischen Video, dieser unfassbar coolen Sau Liam Gallagher. Er stand, wie ich glaube, vor einem Fabrikgebäude wie Liam Gallagher halt immer so rumsteht und nölte „D’You Know What I Mean“ ins Mikro und dann – großes Entzücken – stiegen hinter ihm wie angriffslustige Hornissen einige Helikopter in die Luft. Mein Herz jubilierte, mein Mund nuschelte „cool“ und ich ging sogleich zum Kühlschrank, um „Oasis“ auf dem Osterwunschzettel nachzutragen. Es lag dann schließlich wirklich „Be Here Now“ in meinem Osterkörbchen, das für mich das Wesen von Oasis für immer definieren sollte. Es wird für mich immer DAS Oasis-Album bleiben; der Rest sind Fußnoten – auch „Definetely Maybe“, auch „(What’s The Story?) Morning Glory“. Vom Rest ganz zu schweigen.

Ha! Jetzt habe ich mich schön gegen den Mainstream positioniert… Als ob das auch nur die halbe Wahrheit wäre! Hätte ich einen Sekretär, der seit Jahren mitschriebe, wie oft ich welche Alben, welche Lieder gehört habe, dann würde mich nicht wundern, wenn „Morning Glory“ alle anderen Oasis-Alben weit hinter sich gelassen hätte. Und auf Platz eins im Bereich „Songs“ stünde „Wonderwall“. Auf Platz eins aller Lieder, die ich je hörte, wohlgemerkt.

Warum also diese abwegige „Be Here Now“-Behauptung? Vielleicht wollte ich mir selber das Schreiben etwas spannender gestalten. Denn was gibt es da noch zu sagen? Klar ist das verehrungswürdige Klangkunst. Die Lieder kommen auf den Punkt, sind das Gegenteil von dem unfokussierten Rumgeeier, das ich hier fabriziere. Die Texte sind schön schwammig, schmiegen sich an jede Umgebung, an jede Seelenlage. Doch was kann irgendwer noch dazu sagen, was nicht schon irgendjemand anders besser formuliert hat. Warum in einen Zug einsteigen, in den sich schon 5000 andere quetschen? Nee, sollen die doch ohne mich weiterfahren, ins Reich der schiefen Metaphern.

Wobei, eines kann ich dann doch erzählen, und zwar meinen schönsten Oasis-Moment: es geschah 2005 auf dem Einslive Königstreffen – einem Festival, von dem man seitdem nie wieder was hörte – als meine damalige Freundin und ich uns, nun ja, in ein Menschenmasse quetschten, um dem Beginn eines Konzertes entgegenzufiebern. Um die Zeit zu überbrücken, beschallte der Sender die Leute mit dem, was gerade on air war. Irgendwann spielten sie dann auch, wie wahrscheinlich jeden Tag fünf mal, „Wonderwall“. Erst zaghaft, dann immer lauter, begannen ich und Einzelne um mich herum mitzusingen, bis die Singenden dann beim letzten Refrain zu einem Chor beträchtlicher Lautstärke angeschwollen war. Glück, Gänsehaut, Liebe in der Luft.

Das war’s. Mein schönster Oasis-Moment. Ihr hättet dabeisein müssen.

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17 Gedanken zu „Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (1)

  1. schmeet sagt:

    Ohja Wonderwall…eines dieser extrem zeitlosen Stücke. Und ja, du hast vollkommen recht, es ist so schwamming, dass es zu jedem vagen Gemütszustand passt.

  2. Haaach, da habe ich direkt mal wieder (nach wirklich langer Zeit) Lust, jetzt gepflegt Oasis zu hören. Jawohl, das mache ich jetzt. Gleich auch das nie, nie, nie abgedroschene „wonderwall“. In irgendeiner live-Version.

    Ein Wörtchen zur Trennung hättest du ja noch verlieren können, nur ein ganz kurzes. Ansonsten – wenn man es ganz kritisch betrachten will, ist dies keine „(What’s the story) Morning Glory“-Rezension, sondern eher ein persönlicher Oasis-Bericht.
    Also mich störts nicht, icke finds ziemlich jut, aber als Musikjournalist hätte dir dein Chef vermutlich auf die Finger gehauen 😉

    Ansonsten bleibt mir nur eins zu sagen;
    „Turn the light off….Turn the fucking light off.“ (sagte halt auch Liam gerade 🙂 )

    • quengelexemplar sagt:

      Huch, danke für den ausführlichen Kommentar! Freut mich ungeheuer! Und natürlich hast du Recht damit, dass ich nur wenig auf das Album eingegangen bin. Aber ich wusste, was ich tat, als ich nicht tat, was ich eigentlich tun sollte… Oder so. 😉

  3. ich vergaß zwei dinge zu erwähnen:
    1. toller fast-tomte-titel.
    2. neue erkenntnis: du bist also 27,… interessant.

    so, das war’s mir jetzt wert, das musste noch gesagt werden.

  4. Carsten sagt:

    Ich bleibe dabei: Für mich ist und bleibt Oasis die größte Band aller Zeiten, jawohl. Bis vor einem Jahr glaubte ich, „Don´t Look Back In Anger“ sei der größte Hit aller Zeiten der größten Band aller Zeiten. Bis ich „The Turning“ vom letzten Album „Dig Out Your Soul“ hörte…
    Bitte vertragt euch wieder und macht weiter mit eurer wundervollen Musik, bitte!!

  5. Herrliche Lektüre. Habe so einige Male Schmunzeln müssen.

  6. Sabine sagt:

    Ich mache mich jetzt unbeliebt.

    Wonderwall ist seit längerer Zeit mein persönliches Auf-Klo-geh-Lied in der Disco/Pub/wo auch immer. Oasis an sich finde ich nicht schlecht, aber diesen Song kann ich so gar nicht mehr hören. Deine Rezension gefällt mir trotzdem.

    Aber da Musik nunmal Geschmackssache ist, nimmst du mir diesen Kommentar hoffentlich nicht übel… 😉

  7. Kiki sagt:

    Schöne Rezi, vielen Dank. Mein persönlicher Oasis-Favorit ist ja Champagne Supernova, keine Ahnung von welchem Album (ich hab‘ die Jungs nie mehr als fünf Minuten am Stück ertragen und nie ein Album ganz durchgehört). Aber diese Zeile „Where were you while we were getting high?“ gefiel und gefällt mir sehr.

    • quengelexemplar sagt:

      Mir auch! Der letzte Satz der Rezension soll eine vage Anlehnung an diese Zeile sein… 🙂

      Danke für den netten Kommentar!

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