Archiv für den Monat Oktober 2009

ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Susealiaspaul

Hallo! Besser gesagt: aber hallo! In letzter Zeit war ich *ähem* ja weniger fleißig. Umso dankbarer bin ich, dass hier heute mal wieder etwas Neues passiert. Und wie hier etwas passiert! Mein Gästeglück verlässt mich auch in dieser Woche nicht, da ich euch einen Beitrag der bezaubernden Susealiaspaul, bzw. @susealiaspaul, päsentieren kann. Folgt ihr! Lest ihr Blog! Es wird euer Leben bereichern.

shins

„Guck mal Mama, ich bin im Internet! Auf das Blog, wo sich bestimmt mal zum musikjournalistischen Must-Read entwickelt!“ (und alle so: Uuuuh!)
Und auch noch als erster Female Act??!
Da darf ich jetzt auf keinen Fall so verliebt schwärmen, sonst hassen mich alle, weil ich irgendwelche Gefühlsdusel-Klischees erfülle. Ich werde das Album zu richtig verreißen, Alice Schwarzer soll stolz auf mich sein! Ich werde mich auf diesem männerdominierten Blog behaupten und die weitere Karriere der Band vernichtend vernichten, jawohl! Niemand schreibt so fies wie ich und..
Was soll ich denn überhaupt rezensieren?!
Oh, The Shins.
Fuckscheiße.

„Chutes Too Narrow“, das ist Musik für ein Wochenende. Kein aufgregendes Never-Forget-Wochenende. Eher für eines von diesen perfekten, kleinen Durchschnittswochenenden.

Es hat die richtige Musik für die lange Zugfahrt nach Hause am Freitagabend. Für das aus dem Fenster gucken, über das eigene Ich nachdenken und sich seltsame Geschichten ausdenken, während sich draußen die Welt an einem vorbei bewegt. Für die freudige Erwartung, jemanden wiederzusehen, nicht arbeiten (wahlweise: studieren oder ähnliches)  zu müssen und gleichzeitig dankbar zu sein, dass dieser Zustand nur zweieinhalb Tage anhalten wird. Und schließlich auch die Erleichterung, den MP3-Player nicht wieder vergessen zu haben und deshalb diese albernen Plastikpüppchen vom Vierersitz schräg gegenüber nur optisch ertragen zu müssen.
(Beispiele: „Kissing the Lipless“, „So I say“)
„Chutes Too Narrow“ hat auch die richtige Musik, am Samstag mit den selben Leuten, mit denen man schon in der Neunten pubertierte, tanzen zu gehen, in einem dieser Clubs, in denen man auch zu dritt in einer dunklen Ecke sitzen und sich die Musik übertönend über die Musik und was vielleicht sonst noch an so einem Wochenende wichtig sein könnte, unterhalten kann.
(Beispiele: „Fighting in a sack“, „Turn A Square“)
Zu guter Letzt enthält „Chutes Too Narrow“ auch die perfekt Musik für den wenig (aber doch schon) wehmütigen Abschied von der Heimatstadt am Sonnatg, der einem verkündet, dass morgen das echte Leben inklusive früh aufstehen wieder losgeht. Für das darüber Nachdenken, wo man nun wirklich zuhause ist, das sich schuldig fühlen, weil man die Menschen in der neuen Stadt doch ein bisschen mehr mag, als die zuhause. Und für das sich Sehnen nach früher.
(Beispiele: „Pink Bullets“, „Those to come“)
Man kann dieses Album natürlich auch IN der Woche hören, aber man tut dies dann doch irgendwie mit der heimlichen Hoffnung, dass es schneller Freitag würde.

Auch textlich unterstreichen die Lieder jenes Durchschnittswochenend-Lebensgefühl. Es ist keine aufgesetzt künstlerische Lyrik, die versucht durch unvollständige, nicht wirklich zusammenhängende Satzfetzen, eine dramatisch verwirrte (vielleicht gar depressive) Musikerseele zu beschreiben. Wären es Gedichte, ließen sie sich leicht lesen und wäre doch so tief beeindruckend, dass man es den ganzen Tag sinnierend im Kopf aufsagt.
Es wird davon gesungen, dass man bei den früheren rebellischen Träumen inzwischen Kompromisse eingegangen ist, von Freunden, die irgendwo ein neues Leben angefangen haben (und nur noch am Wochenende nach Hause kommen), irgendwie ein bisschen davon, wie es ist, festzustellen, dass man jetzt schon eine Weile erwachsen ist und sich noch einmal nach der rebellischen Jugend auszustrecken, bevor man erkennt – es ist gut so, wie es jetzt ist.

Was das Album einen nicht bieten kann, ist der Soundtrack für die ganz großen Momente im Leben.
Keine Musik, um bei voller Lautstärke via Mitgrölen all den Weltschmerz loszuwerden.
Keine Musik, um bei mittlerer Lautstärke via Weinflasche in einem dunklen Zimmer all den Herzschmerz loszuwerden.
Nicht mal Musik, um sich via inbrünstigem Luftgitarrenspiel mit vollem Einsatz in die Riffs zu legen.
„Chutes To Narrow“ ist auf keinen Fall Musik für Erlebnisse, die man nur einmal im Leben macht.
Die Indie-Schrammel-Gitarren und der eher sanfte Gesang sind dazu da, um dieses beständige Müsste-da-nicht-eigentlich-mehr-gehen-in-meinem-Leben-Gefühl zu untermalen.
Die unspektakulären, aber wirklich schönen Melodien vertonen diese Tage zwischen Donnerstag und Montag, an die man sich später höchstens aufgrund eines Gespräches erinnert.
Glücklicherweise sind es ja dann aber doch eben solche Momente, die das Leben im Endeffekt ausmachen.

Called to see if your back
Was still aligned and your sheets
Were growing grass all on the corners of your bed

 

But you’ve got too much to wear on your sleeves
It has too much to do with me
And secretly I want to bury in the yard
The grey remains of a friendship scarred

You told us of your new life there
You got someone comin‘ around
Gluing tinsel to your crown
He’s got you talking pretty loud
You berate remember your ailing heart and your criminal eyes
You say you’re still in love
If it’s true what can be done
It’s hard to leave all those moments behind

You tested your metal of doe’s skin and petals
While kissing the lipless
Who bleed all the sweetness away

(Kissing the Lipless, The Shins)

Ich wünsche euch noch ein wunderbares, musikalisch einwandfreies Restwochenende.

Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (14)

Hello again! Da bin ich wieder. Leider habe ich in der Zwischenzeit keinen Roman geschrieben, sondern eine fiese Schreibblockade bekämpft, die jetzt fürs Erste überwunden scheint. Ich werde mir dennoch überlegen müssen, ob sich das Pensum von fünf Rezensionen in der Woche zukünftig aufrechterhalten lässt. Ich meine – ich könnte durchaus auch mal etwas zu anderen Themen schreiben, oder nicht? Vorschläge diesbezüglich sind mir hochwillkommen. Diesmal soll es allerdings nochmal um ein Album gehen, und zwar um „Deadwing“ von Porcupine Tree. Film ab!

porcupine

Mal angenommen, es ließen sich noch Seelen finden in diesem urbanen Moloch, zwischen den blanken Hochhausfassaden, hinter denen Maschinenherzen schlagen – vielleicht sängen sie diese Lieder. Glatte, technisierte Weisen, weil sie nie eine andere Sprache lernten. Doch es glimmt Gefühl darunter, ein Glutschein der von den Stellen herrührt, die noch keine Asche sind. Hin und wieder schlagen gar einige Flammen hoch aus diesen Kraterlandschaften, die einst Seelen waren. Ich habe mir einmal das Wort “Kraterstimmung” ausgedacht. Es passt, wie ich finde, sehr gut zu dieser Musik.

Es sind “Blade Runner“-Szenarien, die sich geradezu in mein Bewusstsein drängen, wenn ich mich mit “Deadwing” beschäftige. Wobei “Blade Runner” hier nicht bloß für den Film, sondern für eine bestimmte Art der Ästhetik steht, für eine sterile Urbanität, die sowohl in ihrer Komplexität beeindruckt, als auch mit ihrer Sterilität erstickt. Das Design von Dystopien – Porcupine Tree haben es auf ihre Musik übertragen. Und wie die Menschen umso eindringlicher um ihre Seelen und um ihre Freiheit kämpfen in den beschriebenen Szenarien, so stemmt sich der Sänger stimmlich und vor allem textlich an gegen das Gefängnis des komplexen, kalten Sounds. Ich will bei der Musik nur aus Gewohnheit von ProgRock sprechen, denn hier schaukelt überhaupt nichts, es ist alles unter Kontrolle. Umso stärker gerät der “Protagonist“ ins Trudeln; unter Schmerzen gibt er Zeilen wie “This City drains me. / Well maybe it’s the smell of gasoline. / The Millions pain me. / It’s easier to talk to my PC” von sich gibt. Dieser Widerstreit wird bis zum Ende des Albums nicht entschieden. Das ist gut, denn so bleibt die Spannung erhalten. “Deadwing” von Porcupine Tree, das ist Musik, die man auf dem Rücksitz einer Limousine hören möchte, während man seine Depressionen mit feinstem Kokain bestäubt. Und das ist immerhin schon besser, als im Taxi zu weinen, geschweige denn in einem Linienbus.

ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Ronzronz

Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht: wieder konnte ich einen Lieblingstwitterer für diese Rubrik meines bescheidenen Blogs gewinnen. Die Rede ist von Ronzronz. Man kann Ronz nicht beschreiben. Ronz muss man folgen. Sofort, bitte! Und dann noch das verstörend-geniale Blog abonnieren. Los jetzt!

no age

gaslight anthem

Prolog #1:
In der Ronz’schen Musikkommode gibt es nur 4 Schubladen: Klassik, Rock, Pop und Jazz. Alle sonst existierenden Musik-Unterschubladen sind Menschenerfindungen, um den menscheneigenen Trieben „Unsicherheit“ und  „Kategoresierungswahn“ einen Halt zu geben.

Prolog #2:
Alle moderne Musik ab 1960 stammt von den Beatles ab. Behauptet Ronz. Oder von den Flippers. Behauptet Mama.

Prolog #3:
Ronz: „Mama, hörst du schon wieder Flippers? Wird dir das nicht zu blöd? Ist doch immer dergleiche Scheiß: 3/4- oder 4/4-Takt, Liebe und Herzschmerz.“
Mama: „Stimmt doch gar nicht! Hör’ doch mal genau hin: das ist ein englischer Walzer, davor war’s ein Wiener Walzer, davor ein Jive…mit Kastagnetten! Ein Lied spielt in Spanien, das andere in Mallorca, das dritte an der Costa Brava!“
Ronz: „Der Basslauf besteht immer nur aus zwei, maximal drei Noten.“
Mama: „Der was?“
Ronz: „Basslauf…Bass ist ein Instrument.“
Mama: „Ach du immer mit deiner Hottentotten-Musik. Alles durcheinander und verstehen tut man auch nix!“
Ronz: „Mama, ich werde dich jetzt würgen…“
Mama: „Ich nicht!“

The Gaslight Anthem: The ‘ 59 Sound und No Age: Nouns in Schubladen und Kategorien

Musikkommode
Beide Alben findet man in der Hauptschublade “Rock” (die Schublade mit dem Eisengriff). Wer möchte findet The ‘ 59 Sound in den Unterschubladen „Schrammel-Rockabilly“ oder „Aalglatt gebügelte Unterhosen“. Nouns dagegen findet man in den Unterschubladen „Mädels mit Achselhaaren“ und „Singen hinter Wasserfällen“. Die Schubladen der Gaslight Anthem sind mit Mainstream staubfrei gewedelt, die Schübe der No Age werden seltener geöffnet, sind staubig und hängen ein bißchen.

Hören und Körperlichkeit
Ronz hat einst für sich festgelegt, jede Platte mindestens 3x anzuhören, bevor diese für sich und das weitere Fortleben bewertet wird. Immer ist das Hören für Ronz eine Körperlichkeit. Die Musik schmerzt entweder oder wohltut dem Körper. Und es gibt böse Alben auf dieser Welt, die dreifach zu hören kein existierendes ronzliches Wesen überleben würde.
Das Album The ‘ 59 Sound liegt kurz vor der Schwelle zum Bösen. Die dreifache Anhörung erwies sich als hodenschmerzig bzw. eierstockstichlich, je nachdem, welchem Geschlecht man anhängt. Definitiv ist es eine Tortur für Hörer höherwertigerer Musik. The ‘ 59 Sound lässt sich locker neben jedweder Tätigkeit hören, seien es quantenphysikalische Berechnungen oder dem Schlachten eines Schweines. Diese Musik berührt nicht. Geht links rein und rechts wieder raus.
Nouns wiederum will aufmerksam gehört werden. Sich dieses Album nebenbei einzuverleiben wäre gleichbedeutend mit der audiophilen Verköstigung weißen Hintergrundrauschens. Es würde erst einmal nerven. Lässt man sich jedoch darauf ein und schärft seine Rezeptoren, so entdeckt man faszinierende Klangwelten. Die Musik schmeichelt den Fortpflanzungsapparaten, ist zum Teil kopfnicklich und arschzappelig.

Vergleiche
Wer denn Vergleichsbands benötigt, hier sind sie.
The Gaslight Anthem: Dick Brave & The Backbeats / Peter Kraus / Roy Orbison mit nur einer Hand / der achtjährige Bruce Springsteen
The No Age: die frühen Pink Floyd nüchtern / Wire hinter Watte / Broken Social Scene / TV On The Radio / die leisen Mogwai

Instrumente und Komposition
Beide Bands verwenden die gleichen Instrumente. The No Age können etwas daraus machen, The Gaslight Anthem sind Einachsen-Musikroboter, der Improvisation unfähig, den Programmcode abarbeitend. Jede drittklassige Schulkombo kann ihren Instrumenten mehr Virtuosität abnötigen, als diese 0815-Möchtegern-Rocker. Die Songs klingen zum Großteil gleich, sind schlecht durchkomponiert, es fehlt an eingängigen Melodien. Die „Soli“ kann mein dreijähriger Neffe auf seiner 4-Tasten-Plastik-Gitarre von Bontempi mühelos nachspielen. Rezeptur: Rock ‚n’ Roll, alle Kanten und Ecken abgefeilt, literweise Ahorn-Sirup drüber, alles schön glattstreichen und eintüten.
The No Age beherrschen ihre Instrumente nicht besser. Aber sie wissen diese effektiver einzusetzen. Machen aus wenig viel. Variieren, improvisieren, testen, banalisieren…mit Erfolg. Ihr Album ist deutlich abwechslungsreicher. Macht mehr Spaß, wenn man gewillt ist zuzuhören. Der Einstieg in die Songs gestaltet sich schwierig. Die Band spielt hinter einem rauschenden Wasserfall, gelegentlich schleicht sich eine Melodie seitlich an den Rauschmassen vorbei. Oder tritt unvermittelt klar und deutlich durch die Wasserwand und lässt sich bestaunen. Ja, es gibt Melodien, sogar solche, die sich einprägen.

Flippers-Faktor
The Gaslight Anthem klingen wie die Flippers auf Speed, in Design-Lederjacken und Jeans mit Bügelfalte gesteckt.
The No Age klingen wie die Flippers auf rückwärts, mit doppelter Geschwindigkeit abgespielt. Wie die Hottentotten halt.

Songs
Aus The ´59 Sound einen Song hervorzuheben ist wie die Kür der schönsten Missgeburt aus einem Rudel Hyänen. Zu banal ist das ganze Schrammelgitarren-Rumgegniedel. Dennoch möchte ich zumindest den Titelsong The ´59 Sound erwähnen, der so etwas ähnliches wie einen Grölchorus beinhaltet, den ich sturztrunken, die Schenkelinnenseiten abnässend, mitlallen würde.  Even cowgirls get the blues beginnt bluesvielversprechend, bevor es in der üblichen Belanglosigkeit abtaucht. Immerhin etwas Abwechslung. Aus der Bridge von The Backseat hätte ein schöner Song werden können, wenn das restliche Drumherum nicht wäre. Das war’s dann auch schon.
Bei Nouns fällt es schwer einen Song hervorzuheben, weil jeder auf seine Art interessant, schön und vielschichtig ist. Eraser gefällt mir wegen dem Aufbau eines Spannungsbogens im Intro. Things I did when I was dead erinnert mich in seiner Reduziertheit sehr an die frühen Godley & Creme und ist ein Ohrenschmeichler. Keechie könnte genau so gut von Mogwai sein und ist von daher schon über jeden Zweifel erhaben. Errand boy ist unheimlich, Here should be my home macht einfach nur gute Laune, Brain Burner ist ein brain burner und, und, und…

Fazit
Ich versichere hiermit von Eides statt, das The Gaslight Anthem in der Belanglosigkeit versinken werden. Ihre Musik hat bestenfalls in den Staaten eine Chance auf kommerziellen Erfolg. Sie ist furchtbar langweilig und dröge. Ach ja, und das Cover von The ´59 Sound ist auch Scheiße!
Ich versichere hiermit von Eides statt, das The No Age in der Belanglosigkeit versinken werden. Ihre Musik ist nicht kommerziell genug. Sie haben mit Nouns ein tolles Album gemacht, dass entdeckt werden will…und jeden einzelnen Ton wert ist. Wer ein bißchen Indie-Blut in den Adern hat und sich gern auf Experimente einlässt wird hier bestens bedient.

Epilog
Ronz (innerlich jubelnd): „Mama, hast du schon gehört? Die Flippers lösen sich auf!“
Mama: „…“ (Plumps!)
Ronz: „Mama? Mama? Maaamaaaaaaa…!“ (denkt kurz darüber nach, sie JETZT zu würgen…)

Ihr bringt das Hörspiel, ich die Rezension (1)

Ja, lest euch die Überschrift noch einmal genau durch! Dieser Text ist  ein Special, weil es einfach NÖTIG war, „Nietzsche Told Me How To Rock And Roll“ von Max „@mlampin“ Lampin einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Bitteschön:

friedrichnietzsche

So, jetzt habe ich dieses verfluchte Textdokument geöffnet. Wenn ihr nur wüsstet, welche Qualen diesem Schritt vorausgegangen sind! Wobei: zuerst war da die Freude. Freude über das gelungene Hörspiel eines geschätzten “Mit-Twitterers”, dass ich nun – Gott sei Dank! – nicht verreißen muss. Was auch immer das geheißen hätte. Wahrscheinlich nichts. Schließlich bin ich hier der Musikexperte und nicht der Hörspielexperte, und werde ich schon der ersten Rolle kaum gerecht, so gerate ich bei letzterem endgültig ins Dilettieren. Was natürlich nicht heißen soll, dass die Gefahr des Dilettierens nicht gegeben ist, wenn ich nun begründen muss, was ich an diesem Hörspiel so sehr schätze. So erklärt sich auch mein langes, ängstliches Zögern, bevor ich mich an das Verfassen des Textes machte.

Komisch übrigens, dass ich gerade die Floskel “Gott sei Dank!” verwendete, geht es doch um den ganz und gar antichristlichen Friedrich Nietzsche in dem Hörspiel, der damals, als ich 16 war, den schon immer latent in meinem Herzen vorhandenen Atheismus endgültig dort festhämmerte. So gesehen ist es überhaupt komisch, wenn ich diese Floskel verwende. Wie auch immer…

Aber es soll ja nicht um mich, sondern um das Hörspiel gehen. Gut, vielleicht auch: ich und das Hörspiel. Mein Verhältnis dazu. Ich werde es zunächst einmal grob beschreiben müssen, obwohl ich Hemmungen davor habe, weil ich erstens nicht “spoilern” möchte und zweitens meine, dass jeder erst seine eigene Deutung entwickelt haben sollte, bevor ich dann mit meiner eigenen um die Ecke komme. Deshalb will ich euch zumindest die Chance geben, euch dem Werk völlig unvoreingenommen zu nähern, indem ihr es euch jetzt hier herunterladet. Keine Sorge. Ich habe doch schon verraten, dass es gut ist!

So? Wieder da? Gut. Dann will ich zunächst einmal versuchen, das Werk inhaltlich grob zu umreißen. Zunächst einmal fällt auf, dass es sich um eine Art Collage aus verschiedenen Texten bzw. Textsorten handelt, wobei jede Textsorte für eine Ebene des Stoffs steht. Das Fundament ist hierbei die von Max Lampin erdachte  Story eines geheimnisvollen Trinkhallen-Gastes, der sich äußerst merkwürdig gebiert und bei dem es sich um einen gescheiterten Nietzscheaner handelt, wie im Laufe der Handlung klar wird. Diese Story wird komplett in O-Tönen von Zeugen erzählt, die so authentisch rüberkommen, dass Max Lampin sich gleich einmal als Co-Autor für die nächste Stromberg-Staffel empfiehlt. Wobei man jetzt nicht auf die falsche Spur geraten sollte, dass es sich hier um Komik handelt! Nur das Talent, dem Leuten “aufs Maul zu schauen”, hat Lampin mit Stromberg-Autor Husmann gemein.

Eine weitere Ebene sind Ausschnitte aus Nietzsche-Texten, die das Aufruhr und Umsturz zum Thema haben, von denen einer in der englischen Übersetzung wiedergegeben wird. Hinzu kommen noch Samples aus einem Gespräch von Alexander Kluge und Rüdiger Safranski über Nietzsche und Zitate von Internet-Usern, die sich mit dem Philosophen befassen.

Ein schwerer Brocken also. Und tatsächlich empfiehlt es sich, das Manuskript beim ersten Hören mitzulesen, um einigermaßen mitzukommen. Leider liegt dies’ nicht nur an der Komplexität des Stoffes, sondern auch daran, dass Lampin, der sonst ein guter Sprecher ist, dazu neigt, einige Silben zu verschlucken, was vor allem den langen Part des englischen Nietzsche-Textes zu einer Geduldsprobe macht. Hier kommt noch erschwerend hinzu, dass einige der englischen Wörter nicht richtig ausgesprochen worden, was manchmal sinnentstellend wirkt. Überhaupt sind die Nietzsche-Passagen für meinen Geschmack zu lang. Womit auch schon die Kritikpunkte abgehakt wären! Ist es nicht schön, dass der Text nun auf angenehmere Weise enden kann?

Mit den positiven Seiten beispielsweise: zunächst einmal die schauspielerische Qualität. Welche Vielzahl von Rollen dieser Lampin darzustellen in der Lage ist! Das kann sich mehr als hören lassen. Dann: die Atmosphäre. Spooky Soundeffekte, stimmungsvolle Musikuntermalung und verfremdete Stimmen erschaffen einen unwiderstehlichen Sog; es kommen gar Erinnerungen an David Lynch auf.

Und der Inhalt? Nun, ich will nicht behaupten, dass ich ihn schon vollständig erschlossen habe. Meiner Deutung nach geht es aber um den Wunsch, ein selbstbestimmtes, ein ekstatisches Leben zu führen und sich diesem Leben über Nietzsches Philosophie zu nähern. Und um das Scheitern daran. Weil am Ende die Banalität unserer Existenz uns immer wieder zu Boden reißt. Weil wir ihr nicht entkommen können.

Und das ist doch zunächst einmal: wahr. Und hier sehr gut dargestellt. Wärmste Empfehlung.

Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (13)

Wieder mal eine schwere Geburt. Habe keine Lust, mir jetzt noch groß einen am Vorwort abzubrechen. Thema: „Waxing Gibbous“ von Malcolm Middleton.

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Wieviel Schönheit doch im Unspektakulären liegt! Ich zum Beispiel habe heute ewig im Internet gesurft, dann dünn mit Pizza belegten geschmolzenen Käse gegessen und dann bin ich lange mit dem Hund spazieren gegangen. Jetzt sitze ich im Wohnzimmer und friere ein bisschen, aber ich mache mir nichts draus. Das war – im Groben – mein unspektakulärer Tag. Findet ihr nicht schön? Mir hat’s ganz gut gefallen!

Ähnlich empfinde ich für “Waxing Gibbous” von Malcolm Middleton, dessen lakonischen Indie-Rockpop ich von Anfang an unspektakulär fand. Das war überhaupt nicht böse gedacht; vielmehr war ich ein bisschen erstaunt, hatten sich doch die Platten, die mir bisher so aufgetragen wurden, immer durch irgendeine Eigenschaft besonders hervorgetan. Meist entweder durch große Hittigkeit oder durch besondere Merkwürdigkeit. Die Songs von Middleton hingegen sind leicht verschroben, aber nicht verrückt. Melodisch, aber nicht melodienselig. Gutes Handwerk vor allem – 12 Stücke schottischer Wertarbeit. Von der Atmosphäre her ist das alles sehr entspannt: manchmal entspannt fröhlich, manchmal entspannt melancholisch. Das größte Alleinstellungsmerkmal ist wohl Middletons raubeinige Stimme, die sich schwer lakonisch durch die Songs raunt.

Versuche ich also herauszufinden, ob die Texte über Konventionelles hinausgehen, indem ich einige von ihnen google. Beim Hören sind sie ziemlich an mir vorbeigerauscht. Leider findet sich nichts – noch nicht mal auf der Seite des Künstlers, die groß “Lyrics” ankündigt und dann doch nur Songtitel ausspuckt. Werde ich es also übers Gehör regeln müssen. (Ihr merkt schon, dass mein Text zu Zeilenschinderei ausartet. Ich fühle mich eben gerade so, als ob ich Athenern Eulen beschreiben müsste…)

(Eine Stunde später.)

Ja, doch, das ist schon ein Guter, der Malcolm. Er textet Kleinod-Zeilen wie “Will you carry me, when my legs have gone?” und andere Clevernisse, aber auch hier ist es wie bei der Musik: Wohlgefallen macht sich breit, doch der große Jubel bleibt aus. Das ist auch auch nicht weiter schlimm. Im Sinne des Erfinders ist es allerdings wohl nicht. Bestimmt wollte er sein Publikum ein bisschen verliebter machen, als ich es bin. Ich habe bloß wohlwollende Sympathie empfunden. Und dann diese unspektakuläre Rezension geschrieben.