31. Oktober 2009

ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Susealiaspaul

Hallo! Besser gesagt: aber hallo! In letzter Zeit war ich *ähem* ja weniger fleißig. Umso dankbarer bin ich, dass hier heute mal wieder etwas Neues passiert. Und wie hier etwas passiert! Mein Gästeglück verlässt mich auch in dieser Woche nicht, da ich euch einen Beitrag der bezaubernden Susealiaspaul, bzw. @susealiaspaul, päsentieren kann. Folgt ihr! Lest ihr Blog! Es wird euer Leben bereichern.

shins

„Guck mal Mama, ich bin im Internet! Auf das Blog, wo sich bestimmt mal zum musikjournalistischen Must-Read entwickelt!“ (und alle so: Uuuuh!)
Und auch noch als erster Female Act??!
Da darf ich jetzt auf keinen Fall so verliebt schwärmen, sonst hassen mich alle, weil ich irgendwelche Gefühlsdusel-Klischees erfülle. Ich werde das Album zu richtig verreißen, Alice Schwarzer soll stolz auf mich sein! Ich werde mich auf diesem männerdominierten Blog behaupten und die weitere Karriere der Band vernichtend vernichten, jawohl! Niemand schreibt so fies wie ich und..
Was soll ich denn überhaupt rezensieren?!
Oh, The Shins.
Fuckscheiße.

„Chutes Too Narrow“, das ist Musik für ein Wochenende. Kein aufgregendes Never-Forget-Wochenende. Eher für eines von diesen perfekten, kleinen Durchschnittswochenenden.

Es hat die richtige Musik für die lange Zugfahrt nach Hause am Freitagabend. Für das aus dem Fenster gucken, über das eigene Ich nachdenken und sich seltsame Geschichten ausdenken, während sich draußen die Welt an einem vorbei bewegt. Für die freudige Erwartung, jemanden wiederzusehen, nicht arbeiten (wahlweise: studieren oder ähnliches)  zu müssen und gleichzeitig dankbar zu sein, dass dieser Zustand nur zweieinhalb Tage anhalten wird. Und schließlich auch die Erleichterung, den MP3-Player nicht wieder vergessen zu haben und deshalb diese albernen Plastikpüppchen vom Vierersitz schräg gegenüber nur optisch ertragen zu müssen.
(Beispiele: „Kissing the Lipless“, „So I say“)
„Chutes Too Narrow“ hat auch die richtige Musik, am Samstag mit den selben Leuten, mit denen man schon in der Neunten pubertierte, tanzen zu gehen, in einem dieser Clubs, in denen man auch zu dritt in einer dunklen Ecke sitzen und sich die Musik übertönend über die Musik und was vielleicht sonst noch an so einem Wochenende wichtig sein könnte, unterhalten kann.
(Beispiele: „Fighting in a sack“, „Turn A Square“)
Zu guter Letzt enthält „Chutes Too Narrow“ auch die perfekt Musik für den wenig (aber doch schon) wehmütigen Abschied von der Heimatstadt am Sonnatg, der einem verkündet, dass morgen das echte Leben inklusive früh aufstehen wieder losgeht. Für das darüber Nachdenken, wo man nun wirklich zuhause ist, das sich schuldig fühlen, weil man die Menschen in der neuen Stadt doch ein bisschen mehr mag, als die zuhause. Und für das sich Sehnen nach früher.
(Beispiele: „Pink Bullets“, „Those to come“)
Man kann dieses Album natürlich auch IN der Woche hören, aber man tut dies dann doch irgendwie mit der heimlichen Hoffnung, dass es schneller Freitag würde.

Auch textlich unterstreichen die Lieder jenes Durchschnittswochenend-Lebensgefühl. Es ist keine aufgesetzt künstlerische Lyrik, die versucht durch unvollständige, nicht wirklich zusammenhängende Satzfetzen, eine dramatisch verwirrte (vielleicht gar depressive) Musikerseele zu beschreiben. Wären es Gedichte, ließen sie sich leicht lesen und wäre doch so tief beeindruckend, dass man es den ganzen Tag sinnierend im Kopf aufsagt.
Es wird davon gesungen, dass man bei den früheren rebellischen Träumen inzwischen Kompromisse eingegangen ist, von Freunden, die irgendwo ein neues Leben angefangen haben (und nur noch am Wochenende nach Hause kommen), irgendwie ein bisschen davon, wie es ist, festzustellen, dass man jetzt schon eine Weile erwachsen ist und sich noch einmal nach der rebellischen Jugend auszustrecken, bevor man erkennt – es ist gut so, wie es jetzt ist.

Was das Album einen nicht bieten kann, ist der Soundtrack für die ganz großen Momente im Leben.
Keine Musik, um bei voller Lautstärke via Mitgrölen all den Weltschmerz loszuwerden.
Keine Musik, um bei mittlerer Lautstärke via Weinflasche in einem dunklen Zimmer all den Herzschmerz loszuwerden.
Nicht mal Musik, um sich via inbrünstigem Luftgitarrenspiel mit vollem Einsatz in die Riffs zu legen.
„Chutes To Narrow“ ist auf keinen Fall Musik für Erlebnisse, die man nur einmal im Leben macht.
Die Indie-Schrammel-Gitarren und der eher sanfte Gesang sind dazu da, um dieses beständige Müsste-da-nicht-eigentlich-mehr-gehen-in-meinem-Leben-Gefühl zu untermalen.
Die unspektakulären, aber wirklich schönen Melodien vertonen diese Tage zwischen Donnerstag und Montag, an die man sich später höchstens aufgrund eines Gespräches erinnert.
Glücklicherweise sind es ja dann aber doch eben solche Momente, die das Leben im Endeffekt ausmachen.

Called to see if your back
Was still aligned and your sheets
Were growing grass all on the corners of your bed

 

But you’ve got too much to wear on your sleeves
It has too much to do with me
And secretly I want to bury in the yard
The grey remains of a friendship scarred

You told us of your new life there
You got someone comin’ around
Gluing tinsel to your crown
He’s got you talking pretty loud
You berate remember your ailing heart and your criminal eyes
You say you’re still in love
If it’s true what can be done
It’s hard to leave all those moments behind

You tested your metal of doe’s skin and petals
While kissing the lipless
Who bleed all the sweetness away

(Kissing the Lipless, The Shins)

Ich wünsche euch noch ein wunderbares, musikalisch einwandfreies Restwochenende.

28. Oktober 2009

Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (14)

Hello again! Da bin ich wieder. Leider habe ich in der Zwischenzeit keinen Roman geschrieben, sondern eine fiese Schreibblockade bekämpft, die jetzt fürs Erste überwunden scheint. Ich werde mir dennoch überlegen müssen, ob sich das Pensum von fünf Rezensionen in der Woche zukünftig aufrechterhalten lässt. Ich meine – ich könnte durchaus auch mal etwas zu anderen Themen schreiben, oder nicht? Vorschläge diesbezüglich sind mir hochwillkommen. Diesmal soll es allerdings nochmal um ein Album gehen, und zwar um „Deadwing“ von Porcupine Tree. Film ab!

porcupine

Mal angenommen, es ließen sich noch Seelen finden in diesem urbanen Moloch, zwischen den blanken Hochhausfassaden, hinter denen Maschinenherzen schlagen – vielleicht sängen sie diese Lieder. Glatte, technisierte Weisen, weil sie nie eine andere Sprache lernten. Doch es glimmt Gefühl darunter, ein Glutschein der von den Stellen herrührt, die noch keine Asche sind. Hin und wieder schlagen gar einige Flammen hoch aus diesen Kraterlandschaften, die einst Seelen waren. Ich habe mir einmal das Wort “Kraterstimmung” ausgedacht. Es passt, wie ich finde, sehr gut zu dieser Musik.

Es sind “Blade Runner“-Szenarien, die sich geradezu in mein Bewusstsein drängen, wenn ich mich mit “Deadwing” beschäftige. Wobei “Blade Runner” hier nicht bloß für den Film, sondern für eine bestimmte Art der Ästhetik steht, für eine sterile Urbanität, die sowohl in ihrer Komplexität beeindruckt, als auch mit ihrer Sterilität erstickt. Das Design von Dystopien – Porcupine Tree haben es auf ihre Musik übertragen. Und wie die Menschen umso eindringlicher um ihre Seelen und um ihre Freiheit kämpfen in den beschriebenen Szenarien, so stemmt sich der Sänger stimmlich und vor allem textlich an gegen das Gefängnis des komplexen, kalten Sounds. Ich will bei der Musik nur aus Gewohnheit von ProgRock sprechen, denn hier schaukelt überhaupt nichts, es ist alles unter Kontrolle. Umso stärker gerät der “Protagonist“ ins Trudeln; unter Schmerzen gibt er Zeilen wie “This City drains me. / Well maybe it’s the smell of gasoline. / The Millions pain me. / It’s easier to talk to my PC” von sich gibt. Dieser Widerstreit wird bis zum Ende des Albums nicht entschieden. Das ist gut, denn so bleibt die Spannung erhalten. “Deadwing” von Porcupine Tree, das ist Musik, die man auf dem Rücksitz einer Limousine hören möchte, während man seine Depressionen mit feinstem Kokain bestäubt. Und das ist immerhin schon besser, als im Taxi zu weinen, geschweige denn in einem Linienbus.

24. Oktober 2009

ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Ronzronz

Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht: wieder konnte ich einen Lieblingstwitterer für diese Rubrik meines bescheidenen Blogs gewinnen. Die Rede ist von Ronzronz. Man kann Ronz nicht beschreiben. Ronz muss man folgen. Sofort, bitte! Und dann noch das verstörend-geniale Blog abonnieren. Los jetzt!

no age

gaslight anthem

Prolog #1:
In der Ronz’schen Musikkommode gibt es nur 4 Schubladen: Klassik, Rock, Pop und Jazz. Alle sonst existierenden Musik-Unterschubladen sind Menschenerfindungen, um den menscheneigenen Trieben „Unsicherheit“ und  „Kategoresierungswahn“ einen Halt zu geben.

Prolog #2:
Alle moderne Musik ab 1960 stammt von den Beatles ab. Behauptet Ronz. Oder von den Flippers. Behauptet Mama.

Prolog #3:
Ronz: „Mama, hörst du schon wieder Flippers? Wird dir das nicht zu blöd? Ist doch immer dergleiche Scheiß: 3/4- oder 4/4-Takt, Liebe und Herzschmerz.“
Mama: „Stimmt doch gar nicht! Hör’ doch mal genau hin: das ist ein englischer Walzer, davor war’s ein Wiener Walzer, davor ein Jive…mit Kastagnetten! Ein Lied spielt in Spanien, das andere in Mallorca, das dritte an der Costa Brava!“
Ronz: „Der Basslauf besteht immer nur aus zwei, maximal drei Noten.“
Mama: „Der was?“
Ronz: „Basslauf…Bass ist ein Instrument.“
Mama: „Ach du immer mit deiner Hottentotten-Musik. Alles durcheinander und verstehen tut man auch nix!“
Ronz: „Mama, ich werde dich jetzt würgen…“
Mama: „Ich nicht!“

The Gaslight Anthem: The ‘ 59 Sound und No Age: Nouns in Schubladen und Kategorien

Musikkommode
Beide Alben findet man in der Hauptschublade “Rock” (die Schublade mit dem Eisengriff). Wer möchte findet The ‘ 59 Sound in den Unterschubladen „Schrammel-Rockabilly“ oder „Aalglatt gebügelte Unterhosen“. Nouns dagegen findet man in den Unterschubladen „Mädels mit Achselhaaren“ und „Singen hinter Wasserfällen“. Die Schubladen der Gaslight Anthem sind mit Mainstream staubfrei gewedelt, die Schübe der No Age werden seltener geöffnet, sind staubig und hängen ein bißchen.

Hören und Körperlichkeit
Ronz hat einst für sich festgelegt, jede Platte mindestens 3x anzuhören, bevor diese für sich und das weitere Fortleben bewertet wird. Immer ist das Hören für Ronz eine Körperlichkeit. Die Musik schmerzt entweder oder wohltut dem Körper. Und es gibt böse Alben auf dieser Welt, die dreifach zu hören kein existierendes ronzliches Wesen überleben würde.
Das Album The ‘ 59 Sound liegt kurz vor der Schwelle zum Bösen. Die dreifache Anhörung erwies sich als hodenschmerzig bzw. eierstockstichlich, je nachdem, welchem Geschlecht man anhängt. Definitiv ist es eine Tortur für Hörer höherwertigerer Musik. The ‘ 59 Sound lässt sich locker neben jedweder Tätigkeit hören, seien es quantenphysikalische Berechnungen oder dem Schlachten eines Schweines. Diese Musik berührt nicht. Geht links rein und rechts wieder raus.
Nouns wiederum will aufmerksam gehört werden. Sich dieses Album nebenbei einzuverleiben wäre gleichbedeutend mit der audiophilen Verköstigung weißen Hintergrundrauschens. Es würde erst einmal nerven. Lässt man sich jedoch darauf ein und schärft seine Rezeptoren, so entdeckt man faszinierende Klangwelten. Die Musik schmeichelt den Fortpflanzungsapparaten, ist zum Teil kopfnicklich und arschzappelig.

Vergleiche
Wer denn Vergleichsbands benötigt, hier sind sie.
The Gaslight Anthem: Dick Brave & The Backbeats / Peter Kraus / Roy Orbison mit nur einer Hand / der achtjährige Bruce Springsteen
The No Age: die frühen Pink Floyd nüchtern / Wire hinter Watte / Broken Social Scene / TV On The Radio / die leisen Mogwai

Instrumente und Komposition
Beide Bands verwenden die gleichen Instrumente. The No Age können etwas daraus machen, The Gaslight Anthem sind Einachsen-Musikroboter, der Improvisation unfähig, den Programmcode abarbeitend. Jede drittklassige Schulkombo kann ihren Instrumenten mehr Virtuosität abnötigen, als diese 0815-Möchtegern-Rocker. Die Songs klingen zum Großteil gleich, sind schlecht durchkomponiert, es fehlt an eingängigen Melodien. Die „Soli“ kann mein dreijähriger Neffe auf seiner 4-Tasten-Plastik-Gitarre von Bontempi mühelos nachspielen. Rezeptur: Rock ‚n’ Roll, alle Kanten und Ecken abgefeilt, literweise Ahorn-Sirup drüber, alles schön glattstreichen und eintüten.
The No Age beherrschen ihre Instrumente nicht besser. Aber sie wissen diese effektiver einzusetzen. Machen aus wenig viel. Variieren, improvisieren, testen, banalisieren…mit Erfolg. Ihr Album ist deutlich abwechslungsreicher. Macht mehr Spaß, wenn man gewillt ist zuzuhören. Der Einstieg in die Songs gestaltet sich schwierig. Die Band spielt hinter einem rauschenden Wasserfall, gelegentlich schleicht sich eine Melodie seitlich an den Rauschmassen vorbei. Oder tritt unvermittelt klar und deutlich durch die Wasserwand und lässt sich bestaunen. Ja, es gibt Melodien, sogar solche, die sich einprägen.

Flippers-Faktor
The Gaslight Anthem klingen wie die Flippers auf Speed, in Design-Lederjacken und Jeans mit Bügelfalte gesteckt.
The No Age klingen wie die Flippers auf rückwärts, mit doppelter Geschwindigkeit abgespielt. Wie die Hottentotten halt.

Songs
Aus The ´59 Sound einen Song hervorzuheben ist wie die Kür der schönsten Missgeburt aus einem Rudel Hyänen. Zu banal ist das ganze Schrammelgitarren-Rumgegniedel. Dennoch möchte ich zumindest den Titelsong The ´59 Sound erwähnen, der so etwas ähnliches wie einen Grölchorus beinhaltet, den ich sturztrunken, die Schenkelinnenseiten abnässend, mitlallen würde.  Even cowgirls get the blues beginnt bluesvielversprechend, bevor es in der üblichen Belanglosigkeit abtaucht. Immerhin etwas Abwechslung. Aus der Bridge von The Backseat hätte ein schöner Song werden können, wenn das restliche Drumherum nicht wäre. Das war’s dann auch schon.
Bei Nouns fällt es schwer einen Song hervorzuheben, weil jeder auf seine Art interessant, schön und vielschichtig ist. Eraser gefällt mir wegen dem Aufbau eines Spannungsbogens im Intro. Things I did when I was dead erinnert mich in seiner Reduziertheit sehr an die frühen Godley & Creme und ist ein Ohrenschmeichler. Keechie könnte genau so gut von Mogwai sein und ist von daher schon über jeden Zweifel erhaben. Errand boy ist unheimlich, Here should be my home macht einfach nur gute Laune, Brain Burner ist ein brain burner und, und, und…

Fazit
Ich versichere hiermit von Eides statt, das The Gaslight Anthem in der Belanglosigkeit versinken werden. Ihre Musik hat bestenfalls in den Staaten eine Chance auf kommerziellen Erfolg. Sie ist furchtbar langweilig und dröge. Ach ja, und das Cover von The ´59 Sound ist auch Scheiße!
Ich versichere hiermit von Eides statt, das The No Age in der Belanglosigkeit versinken werden. Ihre Musik ist nicht kommerziell genug. Sie haben mit Nouns ein tolles Album gemacht, dass entdeckt werden will…und jeden einzelnen Ton wert ist. Wer ein bißchen Indie-Blut in den Adern hat und sich gern auf Experimente einlässt wird hier bestens bedient.

Epilog
Ronz (innerlich jubelnd): „Mama, hast du schon gehört? Die Flippers lösen sich auf!“
Mama: „…“ (Plumps!)
Ronz: „Mama? Mama? Maaamaaaaaaa…!“ (denkt kurz darüber nach, sie JETZT zu würgen…)

24. Oktober 2009

Ihr bringt das Hörspiel, ich die Rezension (1)

Ja, lest euch die Überschrift noch einmal genau durch! Dieser Text ist  ein Special, weil es einfach NÖTIG war, „Nietzsche Told Me How To Rock And Roll“ von Max „@mlampin“ Lampin einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Bitteschön:

friedrichnietzsche

So, jetzt habe ich dieses verfluchte Textdokument geöffnet. Wenn ihr nur wüsstet, welche Qualen diesem Schritt vorausgegangen sind! Wobei: zuerst war da die Freude. Freude über das gelungene Hörspiel eines geschätzten “Mit-Twitterers”, dass ich nun – Gott sei Dank! – nicht verreißen muss. Was auch immer das geheißen hätte. Wahrscheinlich nichts. Schließlich bin ich hier der Musikexperte und nicht der Hörspielexperte, und werde ich schon der ersten Rolle kaum gerecht, so gerate ich bei letzterem endgültig ins Dilettieren. Was natürlich nicht heißen soll, dass die Gefahr des Dilettierens nicht gegeben ist, wenn ich nun begründen muss, was ich an diesem Hörspiel so sehr schätze. So erklärt sich auch mein langes, ängstliches Zögern, bevor ich mich an das Verfassen des Textes machte.

Komisch übrigens, dass ich gerade die Floskel “Gott sei Dank!” verwendete, geht es doch um den ganz und gar antichristlichen Friedrich Nietzsche in dem Hörspiel, der damals, als ich 16 war, den schon immer latent in meinem Herzen vorhandenen Atheismus endgültig dort festhämmerte. So gesehen ist es überhaupt komisch, wenn ich diese Floskel verwende. Wie auch immer…

Aber es soll ja nicht um mich, sondern um das Hörspiel gehen. Gut, vielleicht auch: ich und das Hörspiel. Mein Verhältnis dazu. Ich werde es zunächst einmal grob beschreiben müssen, obwohl ich Hemmungen davor habe, weil ich erstens nicht “spoilern” möchte und zweitens meine, dass jeder erst seine eigene Deutung entwickelt haben sollte, bevor ich dann mit meiner eigenen um die Ecke komme. Deshalb will ich euch zumindest die Chance geben, euch dem Werk völlig unvoreingenommen zu nähern, indem ihr es euch jetzt hier herunterladet. Keine Sorge. Ich habe doch schon verraten, dass es gut ist!

So? Wieder da? Gut. Dann will ich zunächst einmal versuchen, das Werk inhaltlich grob zu umreißen. Zunächst einmal fällt auf, dass es sich um eine Art Collage aus verschiedenen Texten bzw. Textsorten handelt, wobei jede Textsorte für eine Ebene des Stoffs steht. Das Fundament ist hierbei die von Max Lampin erdachte  Story eines geheimnisvollen Trinkhallen-Gastes, der sich äußerst merkwürdig gebiert und bei dem es sich um einen gescheiterten Nietzscheaner handelt, wie im Laufe der Handlung klar wird. Diese Story wird komplett in O-Tönen von Zeugen erzählt, die so authentisch rüberkommen, dass Max Lampin sich gleich einmal als Co-Autor für die nächste Stromberg-Staffel empfiehlt. Wobei man jetzt nicht auf die falsche Spur geraten sollte, dass es sich hier um Komik handelt! Nur das Talent, dem Leuten “aufs Maul zu schauen”, hat Lampin mit Stromberg-Autor Husmann gemein.

Eine weitere Ebene sind Ausschnitte aus Nietzsche-Texten, die das Aufruhr und Umsturz zum Thema haben, von denen einer in der englischen Übersetzung wiedergegeben wird. Hinzu kommen noch Samples aus einem Gespräch von Alexander Kluge und Rüdiger Safranski über Nietzsche und Zitate von Internet-Usern, die sich mit dem Philosophen befassen.

Ein schwerer Brocken also. Und tatsächlich empfiehlt es sich, das Manuskript beim ersten Hören mitzulesen, um einigermaßen mitzukommen. Leider liegt dies’ nicht nur an der Komplexität des Stoffes, sondern auch daran, dass Lampin, der sonst ein guter Sprecher ist, dazu neigt, einige Silben zu verschlucken, was vor allem den langen Part des englischen Nietzsche-Textes zu einer Geduldsprobe macht. Hier kommt noch erschwerend hinzu, dass einige der englischen Wörter nicht richtig ausgesprochen worden, was manchmal sinnentstellend wirkt. Überhaupt sind die Nietzsche-Passagen für meinen Geschmack zu lang. Womit auch schon die Kritikpunkte abgehakt wären! Ist es nicht schön, dass der Text nun auf angenehmere Weise enden kann?

Mit den positiven Seiten beispielsweise: zunächst einmal die schauspielerische Qualität. Welche Vielzahl von Rollen dieser Lampin darzustellen in der Lage ist! Das kann sich mehr als hören lassen. Dann: die Atmosphäre. Spooky Soundeffekte, stimmungsvolle Musikuntermalung und verfremdete Stimmen erschaffen einen unwiderstehlichen Sog; es kommen gar Erinnerungen an David Lynch auf.

Und der Inhalt? Nun, ich will nicht behaupten, dass ich ihn schon vollständig erschlossen habe. Meiner Deutung nach geht es aber um den Wunsch, ein selbstbestimmtes, ein ekstatisches Leben zu führen und sich diesem Leben über Nietzsches Philosophie zu nähern. Und um das Scheitern daran. Weil am Ende die Banalität unserer Existenz uns immer wieder zu Boden reißt. Weil wir ihr nicht entkommen können.

Und das ist doch zunächst einmal: wahr. Und hier sehr gut dargestellt. Wärmste Empfehlung.

21. Oktober 2009

Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (13)

Wieder mal eine schwere Geburt. Habe keine Lust, mir jetzt noch groß einen am Vorwort abzubrechen. Thema: „Waxing Gibbous“ von Malcolm Middleton.

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Wieviel Schönheit doch im Unspektakulären liegt! Ich zum Beispiel habe heute ewig im Internet gesurft, dann dünn mit Pizza belegten geschmolzenen Käse gegessen und dann bin ich lange mit dem Hund spazieren gegangen. Jetzt sitze ich im Wohnzimmer und friere ein bisschen, aber ich mache mir nichts draus. Das war – im Groben – mein unspektakulärer Tag. Findet ihr nicht schön? Mir hat’s ganz gut gefallen!

Ähnlich empfinde ich für “Waxing Gibbous” von Malcolm Middleton, dessen lakonischen Indie-Rockpop ich von Anfang an unspektakulär fand. Das war überhaupt nicht böse gedacht; vielmehr war ich ein bisschen erstaunt, hatten sich doch die Platten, die mir bisher so aufgetragen wurden, immer durch irgendeine Eigenschaft besonders hervorgetan. Meist entweder durch große Hittigkeit oder durch besondere Merkwürdigkeit. Die Songs von Middleton hingegen sind leicht verschroben, aber nicht verrückt. Melodisch, aber nicht melodienselig. Gutes Handwerk vor allem – 12 Stücke schottischer Wertarbeit. Von der Atmosphäre her ist das alles sehr entspannt: manchmal entspannt fröhlich, manchmal entspannt melancholisch. Das größte Alleinstellungsmerkmal ist wohl Middletons raubeinige Stimme, die sich schwer lakonisch durch die Songs raunt.

Versuche ich also herauszufinden, ob die Texte über Konventionelles hinausgehen, indem ich einige von ihnen google. Beim Hören sind sie ziemlich an mir vorbeigerauscht. Leider findet sich nichts – noch nicht mal auf der Seite des Künstlers, die groß “Lyrics” ankündigt und dann doch nur Songtitel ausspuckt. Werde ich es also übers Gehör regeln müssen. (Ihr merkt schon, dass mein Text zu Zeilenschinderei ausartet. Ich fühle mich eben gerade so, als ob ich Athenern Eulen beschreiben müsste…)

(Eine Stunde später.)

Ja, doch, das ist schon ein Guter, der Malcolm. Er textet Kleinod-Zeilen wie “Will you carry me, when my legs have gone?” und andere Clevernisse, aber auch hier ist es wie bei der Musik: Wohlgefallen macht sich breit, doch der große Jubel bleibt aus. Das ist auch auch nicht weiter schlimm. Im Sinne des Erfinders ist es allerdings wohl nicht. Bestimmt wollte er sein Publikum ein bisschen verliebter machen, als ich es bin. Ich habe bloß wohlwollende Sympathie empfunden. Und dann diese unspektakuläre Rezension geschrieben.

20. Oktober 2009

Ich bringt die Musik, ich die Rezension (12)

Heute bin ich aber früh fertig geworden… Genau genommen war ich den ganzen Tag über schon fertig. Muhahaha… O je, ich muss wirklich bald ins Bett. Heute geht es um „Du und wieviel von deinen Freunden“ von Kettcar.

kettcar

Schauen wir doch den Tatsachen ins Auge – ich kann kaum noch geradeaus gucken. Nach einer durchwachten Nacht hänge ich nun als nasser Sack im Schreibtischstuhl und lasse meine Nasser-Sack-Arme auf die Tastatur fallen, in der vagen Hoffnung, dass irgendetwas Vernünftiges dabei herauskommt. Insofern könnte ich es durchaus als Gnade begreifen, dass ich ausgerechnet mit der Besprechung von “Du und wie viel von deinen Freunden” von Kettcar betraut wurde, das eines meiner Alltime Faves ist und das ich so oft gehört habe, wie kaum eine andere Platte sonst. (Ja, ich verrate jetzt schon, dass ich die Platte liebe. So ein Spoiler wäre mir sicherlich in wacherem Zustand nicht passiert. Aber ich kann auch jetzt nicht alles neu formulieren! Ich muss hier fertig werden, bevor ich ohnmächtig zusammensacke und mein Speichel dann womöglich einen Kurzschluss im Notebook auslöst! Vielleicht sollte sich der anspruchsvolle Leser lieber abwenden und erst wieder hinsehen, wenn ich mich in einem weniger desolaten Zustand befinde… Huch, diese Klammer ist jetzt aber lang geworden! Bestimmt hat jetzt jeder vergessen, wo wir stehengeblieben sind. Lieber noch mal nachsehen!)

Leider ist das Gegenteil der Fall. Ich habe das Problem schon bei meiner “Morning Glory”-Besprechung angerissen: wie soll man bei einer Platte, zu der man so viele Assoziationen und Gefühle hat, das für eine Rezension Wesentliche erkennen? “Du und wie viel von deinen Freunden” ist wie ein metaphysischer Datenträger, den ich über die Jahre mit Terrabytes über Terrabytes von Kopfkram und Herzscheiße aufgeladen habe. Mein Kraft und der Platz reichen aber nur für einige Streiflichter.

Wie ich vor sieben (7!) Jahren eine lange und hymnische Besprechung in der Intro gelesen habe, die machte, dass ich mich schon in die Platte verliebte, ohne auch nur einen Ton gehört zu haben. Wie ein paar Wochen später die Leiterin von meinem Bibelkreis – dem ich nur beigetreten warm, um Frauen aufzureißen; wie bescheuert und verzweifelt muss man eigentlich sein? – mich nach Hause fuhr und plötzlich “Landungsbrücken raus” im Radio kam und mein Herz zermalmte. Ich wusste genau – das mussten Kettcar sein; ich hatte mir die Musik exakt so vorgestellt und meine Liebe in Gedanken hielt der Realität so sehr stand. Wie ich dann doch wochenlang immer wieder im Media Markt die CD umschlich, weil ich nicht wusste, ob ich sie nicht doch lieber weiter nur aus der Ferne anhimmeln sollte, als sie zu schöner, aber irgendwie auch schnöder Wirklichkeit in meinem Leben werden zu lassen.

Man merkt: meine Pubertät hat ganz schön lange gedauert. Immerhin war ich da schon zwanzig! Zum Glück waren es die letzten pubertären Ausläufer. Zum Glück und irgendwie auch: leider. Nie wieder habe ich Musik so intensiv geliebt, wie zu dieser Zeit. Irgendwann kaufte ich mir die CD natürlich doch und sie wurde Dauergast in meinem CD-Spieler, für mindestens 6 Monate. Sie blieb Dauergast in meinem Herzen, bis heute.

Hmm, nun überlese ich noch mal alles und muss feststellen, dass mir die Beschränkung aufs Wesentliche nicht besonders geglückt ist. Zum Beispiel habe ich nirgendwo erwähnt, wie die  Musik eigentlich klingt. Na gut, sie klingt: hymnisch, sentimental, melancholisch, bittersüß, üppig, melodisch, niederschmetternd, aufrichtend. Ich schiebe sogar noch eine öde Genrebezeichnung hinterher: Indiepop. Und die Texte? Hmm…

“Die Haustür hinter dir und vor dir der Nachdurst.” / “Das schlechte Gewissen, der sterbende Schwan. Es ist alles erledigt, nach dem, was wir sahen” / “Wer schützt die Notaufnahmen? Und wer hält die ganzen Hände?” / “Wollt’ ich leben und sterben wie ein Toastbrot im Regen?” / “Viel Glück heut’ Nacht und viel Glück demnächst, wenn du weitermachst oder untergehst.” / “Diese zwei Zimmer Altbau, dieses kleine Idyll. Was ich noch sagen wollte… ach, ich sagte schon zuviel.” / “Die Antwortet lautet Nein hier. Wie war nochmal die Frage?” / “Feuer frei und weiteratmen.” / “…und ich höre, wie die Butter in der Pfanne applaudiert.” / “Verteidige die Seele, das lustige Gebilde. Bis dahin: alle Energie auf die Reflektorschilde!”

Noch Fragen?

20. Oktober 2009

Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (11)

La, le, lu, nur der Mann im Mond schaut zu, wie ich diesen Text hier poste… Thema heute: „Dizzy“ von Pawnshop Orchestra.

pawnshop

Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Besser gesagt: ich liebte es, wenn ein Plan funktionierte. Ist nie der Fall. (Ist doch der Fall. Aber ich habe mir sagen lassen, dass das Publikum Underdogs liebt. Menschen, die vom Leben zerschunden sind. Ob dieser Plan funktionieren wird, mich als solcher zu inszenieren? Bestimmt. Ich muss nur daran denken, gleich das Eingeklammerte zu schwärzen…) Äh, wo war ich…

Ach so. Also, WENN ich mein neues Leben als Musikkritiker mit einem Plan begonnen hätte, dann hätte er vielleicht so ausgesehen, dass ich im Laufe der Zeit so viele Leute für meine Serie begeistere, dass ich regelrecht mit Musik zugeschüttet werde, versehen mit der Bitte: “Rezensiere das!” Und DANN könnte ich jetzt an meiner Zigarre kauen und sagen: “Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!” Heute hat man nämlich schon zum zweiten Mal Musik kostenlos zur Besprechung überlassen; nach dem Weltherrscher war Daniel Decker aka @aktenkundig formally known as “Pawnshop Orchestra” diesmal der edle Spender. Seine ganze Diskographie hat jetzt einen Ehrenplatz in meinem Download-Ordner. Seine Diskographie, das sind unter anderem zwei Longplayer, von denen einer auf den Namen “Dizzy” hört. Und um dieses zweite Album soll es heute gehen.

Mit “Ein schlechtes Lied” beginnt es, das wiederum eröffnet mit der Zeile “Vielleicht schreibe ich Lieder, weil ich zu dumm bin, ein Buch zu schreiben.” Da hat er mich bereits, der Daniel Decker. Bestimmt kennt er auch den Underdog-Trick. “Ein schlechter Poet”, wie er im Folgenden behauptet, ist er nämlich keineswegs. Ich bin hingerissen. Die Hingerissenheit reißt auch in den folgenden 40 Minuten nicht ab. Zumindest von den Texten, von den Songs. Ich meine – “Opinion-Leader sind auch nur Führer”! Oder “Meine Augen drehen immer noch ihre Runden”! Das will man doch in Tücher sticken! StudiVZ-Gruppen dieses Namens eröffnen, die tags darauf sicher schon 393 Mitglieder haben… Musikalisch pendelt Decker zwischen mal sentimentalem, mal widerborstigem Indiepop, wobei ich klar den wehmütigen Momenten den Vorzug gebe. Das ist nur mein persönlicher Geschmack. Ich bin halt ein alter Gefühlsdusel. So oder so: an großen Melodien herrscht kein Mangel, die Ohren werden geradezu damit geflutet.

Aber – der Leser rechnete sicher schon mit diesem “Aber” – es gibt auch einen großen Minuspunkt. Und zwar: die Produktion. Diese Lieder hätten einen fetteren Sound, mehr Mut zum Prunk sicher gut vertragen. Der blecherne, eckige Klang passt vielleicht zu Sonic Youth, hier allerdings hätte es ein klares Bekenntnis zum Pop Not getan. Die Songs sind so gut, dass sie auch so funktionieren. Aber sie hätten besser funktionieren können, verflucht! Und so bleibt eine Romanze, was die große Liebe hätte sein können.

Vielleicht kommt die große Liebe dann ja mit dem nächsten Album? Kann gut sein! Der Song “Diazep”, den Daniel Decker auf seiner myspace-Seite streamt, lässt jedenfalls auf Großes hoffen.

17. Oktober 2009

ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: Dietmar „@hamburgerbuero“ Lang

So, hier ist nun der zweite samstägliche Vertretungstext. Dietmar „@hamburgerbuero“ Lang, der schon recht lange zu meinen liebsten Twitterern gehört, hat über „Stories From The City, Stories From The Sea“ von PJ Harvey geschrieben.

P.S. Sein Blog ist übrigens auch einen Besuch wert!

pj_harvey

In den Neunzigern gab es eine mehrjährige, dunkle Zeit, in der ich kein Fernsehen hatte. Wohl einen Fernseher, aber statt Fernsehen eine VHS-Kassette mit einem achtlos gewähltem, achtstündigen VH1-Mitschnitt. Einige Male zu oft lief diese Kassette und ich entdeckte Künstler wie Hootie and the Blowfish, John Mellencamp oder Sheryl Crow. Und zum ersten Mal PJ Harvey, im Duett mit Melissa Etheridge. In Erinnerung blieb mir nur die markante, rauchige Stimme von Melissa.

Jahre später, wir schreiben bereits den Beginn des neuen Milleniums, begegnete ich zum zweiten Mal PJ Harvey. “This mess we’re in” war ein großartiger Song, der mich an unzähligen Winterabenden in fest an meine Ohren gepressten Kopfhörermuscheln begleitete. Thom Yorkes Stimme, ergreifend und wiedererkennbar wie je. Und PJ Harvey war irgendwo auch mit dabei.

Und nun, im dritten Anlauf, die Auseinandersetzung mit gleich einem ganzen Album. Das sich schnell zusammenfasst: Ein gutes Herbstalbum. Solide. Wohlklingend  gefällige, aber kaum zu schmutzige Gitarren. PJ Harveys Stimme kratzt nur wenig, jault nicht zu sehr. Sie transportiert ein bodenständiges Maß aus Trotz und  Melancholie. Ergänzt Nieselregen, Autobahnfahrten unter grauem Himmel und VH1 bei einer Hörtemperatur von 7-15°.

Ich mag verbittert sein, denn ruiniert hat mir diese Album nur ein einzelner Song. Der beste des ganzen Albums, “The mess we’re in”, überschattet gnadenlos alle anderen. Selbst “Good Fortune” oder “You said something”, für sich wirklich gute Lieder, können nicht mithalten. Habe ich es mir selbst zuzuschreiben, “This mess we’re in” viel zu oft gehört und intensiv geliebt zu haben? Einen Song, der vor einer Spannung und Dramatik strotzt, von der ich hoffte, sie in den restlichen Liedern des Albums wiederzufinden?

Vielleicht erweist sich “Stories from the City, Stories from the Sea”, als die Art Album, dessen Reize sich wie die einer unscheinbaren Bekannten erst im Laufe der Zeit Dir erschliessen. In die Du Dich erst verliebst, als Dir nach unzähligen Jahren endlich klar wird, mit welch einem fantastischen Menschen Du es zu tun hast. “This mess we’re in” bleibt eine Ausnahme, es ist dieses eine Mal, an dem sie ein zu markantes, zu kurzes Kleid und viel zu dick aufgetragene Schminke trägt. Es sieht gut aus, aber sie ist nunmal kein Vamp. Du wirst lernen, es ihr zu verzeihen.

Dieser Logik zufolge wird mir dieses Album eines nassen Herbsttages in vielen Jahren also das Leben retten.

17. Oktober 2009

ICH die Musik, IHR die Rezension! Heute: der Schriftstehler

Heute habe ich gleich zwei Gaststars in meiner samstäglichen Rubrik. Das war anders geplant und ist eigentlich zuviel, aber… Der Schriftstehler! @hamburgerbuero! Wie hätte ich einen von ihnen ablehnen können?! Den Anfang macht also Schriftstehler mit seinem Text über „We Started Nothing“ von The Ting Tings.

P.S. Ich kann einen Besuch auf der Seite des Schriftstehlers herzlich empfehlen! Oder ihr jubelt für ihn bei einem seiner Poetry-Slam-Auftritte. Oder ihr schaut euch eines seiner Konzerte an! Alles großartige Zeitvertreibe!

tingtings

Mit einem guten Schlagzeuger zusammenzuarbeiten, ist in der Musik oft schon die halbe Miete – und dabei geht es vielen Musikern, sie brauchen Geld für den Lebensunterhalt. Findet man also einen geeigneten, talentierten Trommler, der auch noch Ideen hat, dann sollte es schrittweise bergauf gehen. So wie im Fall von der Britin Katie White, die nach Abschluss der Schule den Schlagzeuger Jules De Martino kennenlernte. Die beiden einigten sich nicht auf billigen Sex oder eine gemeinsame Zukunft im Reihenhaus mit geregeltem Ehebrechen, sondern auf rhythmischen Pop. Das ist ganz sicher besser für den Lebensunterhalt, als irgendwelche Liebeszenarien, von denen wir jetzt auch nichts wissen wollen. Mit dem minimalistischen Band-Namen „The Ting Tings“ haben die zwei Musiker ihr einziges Album „We started nothing“ veröffentlicht. Doch damit haben sie sehr wohl etwas gestartet.
Dass Katie White mit Hardcore-Punk zuvor kein Glück hatte, darf wiederum als Glück für die Zuhörer ausgelegt werden – auch wenn es ganz sicher Kritiker gibt, die Frau White fehlende Sangeskunst attestieren. Das ist zum einen aber Geschmacksache und zum anderen kann man der jungen Dame aber eines nicht absprechen: Energie und die Fähigkeit, eine Stimmung zu transportieren.

Dabei ist der Start in die musikalische Hörreise auf der CD mit „Great DJ“ noch ziemlich verhalten, da ist der Pop-Einfluss schon fast zu groß, um für Aufmerksamkeit zu sorgen, das ist ein schon fast boshaftes in Sicherheit wiegen des Zuhörers, der aber kurz darauf aufgeweckt wird. Ihr volles Potential entfalten Jules De Martino und Katie White mit „That’s Not My Name“, bei dem White die Punk-Vergangenheit stückweise einholt, ohne dabei den Pop zu zerstören. Viel wichtiger: Der Beat, den De Martino spartanisch anmischt, geht ins Blut. Ganz simpel, ganz einfach, aber eben effektiv. Darauf muss man erst einmal kommen. In dieselbe Kerbe schlägt da dann noch „Shut Up and Let Me Go“ – ein Titel, der auch durch die funklastigen Gitarrenklänge schon mächtig Wippen bei Kopfnickern mit sich bringt. Beachtlich, ist im Übrigen, dass Katie White noch gar nicht so lange den Umgang mit den Saiten beherrscht. Dass da gesanglich dann tatsächlich nicht viel kommt, macht die gute Frau White damit wett, dass sie Stimmung und Worte exakt auf den Punkt bringt – und das ist dann in jedem Fall mehr wert, als die präzise, aber herzlose Sangeskunst der Bohlen-Zöglinge.
Dabei ist immer die gute rhythmisch Grundlage, die De Martino einspielt, das A und O der Songs. Mal spartanisch, mal kompliziert, aber niemals langweilig, mal simple Loops, mal etwas aufwändiger, aber ganz sicher in jedem Fall rhythmisch treffend. Nicht alles ist so gelungen wie „Impacilla Carpisung“, aber es ist landet nichts einfach so im Mainstream-Strom, es gibt genug Ecken und Kanten, an denen sich viele stoßen und einige wenige festhalten werden. Der Groove macht die Musik und White gibt mit der gepresst gebremsten Kraft ihrer Stimme, die immer ein wenig so klingt, als wäre da noch wesentlich mehr, aber sie hätte dafür gerade keine Zeit, ihren vokalischen Senf dazu.
Doch gibt es auch Ausnahmen: So ist mit „Traffic Light“ ein lyrischs, liebreizendes Liedlein entstanden, dass aufgrund seines Dreivierteltaktes durchaus auch auf dem Opernball gute Karten hätte, irgendwann mal gespielt zu werden. Was für ein Fest für die Gedanken, sich einmal vorzustellen, die ehrwürdigen Damen und Herren tanzten zu den Klängen der Ting Tings und wüssten gar nicht, was dahinter steckt. Aber wer weiß das heute schon? „Don’t you be a traffic light
With all things said
You turn to red
Don’t you be a traffic light“
So einfach kann das Leben manchmal sein, so einfach wie der Name „The Ting Tings“. Und so einfach wie die Titel „Fruit Machine“ oder „We Walk“ sich eingängig ins Ohr grooven, so schwierig ist es auch. Dass die beiden Briten auch davon profitierten, dass „Shut Up and Let Me Go“ mal für eine iPod-Kampagne benutzt wurde, sollte den Erfolg auf keinen Fall schmälern. Tanzbar oder einfach nur für die gute Laune: „We started nothing“ ist, wenn man den Titel nimmt, eine deftige Untertreibung. Und es zeigt sich eben, dass die Zusammenkunft mit einem guten Schlagzeuger wirklich Sinn machen kann. Wenn der Jules De Martino heißt und der Mensch, der ihn kennenlernt, Katie White ist.

17. Oktober 2009

Ihr bringt die Musik, ich die Rezension (10)

Es ist wieder spät geworden. Und kalt! Gleich muss ich mal meine Füße über den Bunsenbrenner halten. Vorher poste ich aber meinen Text zu „Ja, nein, vielleicht auch nicht“ von Weltherrscher.

weltherrscher

Wieder ist es mitten in der Nacht, wieder werde ich erst wach. Noch zwei Stunden und ich bin ein Fitnessbündel, das es locker mit allen Superkriminellen der Stadt aufnehmen kann. Vielleicht wäre “Batman” doch ein besserer Beruf für mich. Stattdessen fühlte ich mich zum Musikkritiker auserkoren. Aber: auch hier bekomme komme ich mit übermenschlichen Gestalten zu tun. Beispielsweise mit dem Weltherrscher

Anders, als man es vermuten würde, hat er sich bisher nicht dadurch hervorgetan, die Geschicke unseres Planeten zu lenken, sondern vor allem als Blogger, Twitterer und – nicht zuletzt – als Musiker. Nun hat er sein erstes Album geschaffen. “Ja, nein, vielleicht auch nicht” heißt es und gestern lag es als Präsent in meinem Briefkasten. Auf dem Absender-Etikett stand übrigens “Gießen”. So, so. Hier ist also der Nabel der Welt. Hätte man auch nicht vermutet…

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob dieser Herrscher auch über die Welt der Musik zu gebieten versteht. Ich kann diese Frage, nun da ich mich ausgiebig mit jedem einzelnen der 23 Tracks auseinandergesetzt habe, nicht eindeutig beantworten. Zu groß sind die qualitativen Unterschiede, zu schwer durchschaubar ist die künstlerische Vision. Was ist Absicht, was Nachlässigkeit, was Unvermögen? Weltherrschermusik ist Rätselmusik.

Zunächst einmal drängt sich der Eindruck auf, dass es sich nicht um ein Album im herkömmlichen Sinne handelt. Dass sich hier keine Songs zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammenfügen sollen. “Ja, nein, vielleicht auch nicht” (großartiger Titel übrigens) scheint mehr eine Art “Best Of” von Songs und Skizzen zu sein, die sich über einen längeren Zeitraum angehäuft haben. Deshalb fehlt auch eine Gesamtdramaturgie, die ich – gelegentlich schmerzlich – vermisst habe.

Musikalisch wird die klassische Rockschiene gefahren, allerdings ohne die fette Produktion der großen Vorbilder. Das empfinde ich aber keineswegs als Nachteil – vielmehr schafft der matte, dünne Sound eine ganz eigene Atmosphäre und verhindert zudem, dass einige Songs zu bloßen Klischees geraten. Die Stimme des Weltherrschers ist zwar nicht tief und donnernd, wie ich es eigentlich erwartet hatte, liegt aber trotzdem außerordentlich angenehm in den Ohren. Manchmal kommen Erinnerungen an Campino auf, was ich als Kompliment verstanden haben möchte. Der Weltherrscher selber scheint sich seiner gesanglichen Qualitäten leider nicht so bewusst zu sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Stimme oft stark in den Hintergrund gemischt wurde. Manchmal scheint es so, als wolle er sich hinter den Instrumenten verstecken; einige Stücke belässt er völlig instrumental. Umso schöner sind dann die Momente, wenn die “Schwester vom Weltherrscher” zum Zuge kommt, die sich ihrer herrlichen Stimme nicht zu schämen braucht und dies’ offenkundig auch nicht tut.

Hauptauslöser für meine innere Zerrissenheit bezüglich der Qualität der Platte, sind allerdings die Lyrics. Das Texten scheint nicht zu den größten Freuden des Weltherrschers zu gehören, was sich in einer eigenartigen “Anti-Lyrik” niederschlägt, die mitunter durchaus zu großen Momenten führt. Bei “Shitfuck”, Twitterhymne und ein Highlight der Platte,  lasse ich mich gar zu einem “Helge Schneider meets Queens of the Stoneage”-Vergleich hinreißen. Sätze wie “Hilfe, ich hab voll die Twitteritis” zu einem Brecher von Rocksong zu intonieren – das ist schon großes Kino. Ein tragischer Fall hingegen ist das “Piratenlied”, dessen Gänsehaut erzeugende Melodie auf einen wahrlich steinerweichenden Text trifft. Formulierungen wie “Parteien (…) hauen uns Zensur vorn Kopf” sind der Ernsthaftigkeit des Themas bestimmt nicht angemessen.

Unterm Strich bleibt also Verwirrung. Zwei, drei Songs, die ich mir auf meinen I-Pod ziehen, auswendig lernen, auf Sampler packen werde. Großer Respekt vor dem Mut des Weltherrschers, seine CDs in die Welt zu schicken, und es den Empfängern zu überlassen, ob und wie viel sie dafür bezahlen wollen. Die Hoffnung, dass vielleicht sogar ein ordentlicher Gewinn dabei abfällt. Er hätte es verdient. “Ja, nein, vielleicht auch nicht” mag zwar noch nicht der große Wurf sein. Besser, als… sagen wir… das letzte Queen-Album ist es aber allemal.